<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0" xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/"><channel><title><![CDATA[Spuren der Solidarität]]></title><description><![CDATA[Geschichten von Jobs & Widerstand]]></description><link>https://spuren.cc/</link><image><url>https://spuren.cc/favicon.png</url><title>Spuren der Solidarität</title><link>https://spuren.cc/</link></image><generator>Ghost 5.75</generator><lastBuildDate>Mon, 20 Apr 2026 01:32:12 GMT</lastBuildDate><atom:link href="https://spuren.cc/rss/" rel="self" type="application/rss+xml"/><ttl>60</ttl><item><title><![CDATA[Ein Level aufsteigen!]]></title><description><![CDATA[Jean-Carl Elliott beschreibt die Möglichkeiten gewerkschaftlich aktiv(er) zu werden.]]></description><link>https://spuren.cc/ein-level-aufsteigen/</link><guid isPermaLink="false">6725d863c60e221acb112edb</guid><category><![CDATA[Strategie]]></category><dc:creator><![CDATA[Jean-Carl Elliott]]></dc:creator><pubDate>Mon, 11 Nov 2024 07:00:16 GMT</pubDate><media:content url="https://spuren.cc/content/images/2024/11/levelup.png" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<img src="https://spuren.cc/content/images/2024/11/levelup.png" alt="Ein Level aufsteigen!"><p>Beim Aufbau der IWW geht es nicht nur darum, die Zahl unserer Mitglieder zu erh&#xF6;hen, sondern auch qualitativ als Gewerkschaft besser zu werden. Zum&#xA0;<em>&#x201E;Aufbau der neuen Welt in der Schale der alten&#x201C;&#xA0;</em>geh&#xF6;rt auch die Entwicklung der Menschen, die in der Lage sind, diese Neue Welt auch am Laufen zu halten. Wir werben nicht einfach Arbeiter*innen an unseren Arbeitspl&#xE4;tzen und Industrien an, um ihren Mitgliedsbeitrag abzukassieren. Wir werben sie an, um sie zu <a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer">Wobblies</a> zu machen! Ein&#xA0;<a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer"><em>Wobbly</em></a>&#xA0;zu sein bedeutet zu wissen auf welcher Seite des Klassenkampfes wir stehen. Wir kennen bereits gef&#xFC;hrte K&#xE4;mpfe und haben aus ihnen gelernt. Insofern stellen wir uns solidarische an die Seite derjenigen Wobblies, die den Kampf heute weiterf&#xFC;hren. Ein Wobbly zu sein bedeutet nicht nur, unseren Mitgliedsausweis: die&#xA0;<em>Red Card</em>&#xA0;(deutsch= Rote Karte) zu haben, es bedeutet, sich gegenseitig zu unterst&#xFC;tzen! Ich habe im Laufe der Jahre so viele Wobblies getroffen, die eine&#xA0;<em>Red Card</em>&#xA0;unterschreiben und dann nicht wissen, was sie als N&#xE4;chstes tun sollen. Ohne ein Gef&#xFC;hl der Orientierung neigen unsere Mitglieder dazu, sich anderen Gruppen von Aktivist*innen zuzuwenden, oder sie verlassen die Gewerkschaft ganz. Wir wollen, dass unsere Mitglieder am Ball bleiben und ein Ziel mit der IWW verfolgen k&#xF6;nnen. </p><blockquote>Ohne ein Gef&#xFC;hl der Orientierung neigen unsere Mitglieder dazu, sich anderen Gruppen von Aktivist*innen zuzuwenden, oder sie verlassen die Gewerkschaft ganz.</blockquote><p>Dieser Artikel wird Teil einer Serie dar&#xFC;ber sein, wie man seine IWW-Mitgliedschaft aktiv nutzen kann. In diesem ersten Text befassen wir uns mit einigen M&#xF6;glichkeiten, wie einzelne Wobblies ihre Beteiligung an der &#x201E;One Big Union&#x201C; durch die Entwicklung ihrer F&#xE4;higkeiten als Organizer*innen am Arbeitsplatz ausbauen k&#xF6;nnen. Zuk&#xFC;nftige Texte werden sich auf Ortsgruppen, Komitees und andere Teile der Gewerkschaft konzentrieren. Wenn du etwas erg&#xE4;nzen willst, schreibe sie auf und schicke &#x201E;Spuren der Solidarit&#xE4;t&#x201C; oder dem Industrial Worker (ver&#xF6;ffentlichen englische Texte).</p><h3 id="nimm-an-einem-organizing-training-teil"><a href="https://www.wobblies.org/bildung/" rel="noreferrer"><strong>Nimm an einem Organizing-Training teil</strong></a></h3><p>Die IWW bieten zwei Organizer*innen-Schulungen an: Das <a href="https://spuren.cc/glossar/#ot101-%E2%80%93-organizerinnen-training-101-%E2%80%9Abaue-das-komitee-auf%E2%80%98" rel="noreferrer">OT101</a>- &quot;Das Komitee aufbauen&quot; und <a href="https://spuren.cc/glossar/#ot-102-%E2%80%93-organizerinnen-training-102-%E2%80%9Adas-komitee-in-aktion%E2%80%98" rel="noreferrer">OT102</a> - &quot;Das Komitee in Aktion&quot;. In der OT101-Schulung lernen die Teilnehmenden die grundlegenden Techniken zur Gr&#xFC;ndung eines betrieblichen Organizing-Komitees. Das Komitee trifft sich regelm&#xE4;&#xDF;ig und plant direkte Aktionen am Arbeitsplatz, um Macht aufzubauen und Probleme zu beseitigen. Die Schulung wird alle paar Jahre auf der Grundlage der Erfahrungen von IWW-Organizer*innen &#xFC;berarbeitet. Wir behalten die Dinge bei, die funktionieren, und &#xE4;ndern die Dinge, die sich als unzureichend erwiesen haben. Es ist auch eine wirklich gute M&#xF6;glichkeit, mit anderen Wobblies in Kontakt zu kommen, die ihre Arbeitspl&#xE4;tze organisieren.&#xA0;</p><p>&#xA0;Das OT102 baut auf dem 101er auf. Sobald ihr ein Komitee gegr&#xFC;ndet habt, m&#xFC;sst ihr lernen, wie ihr es aufrechterhalten k&#xF6;nnt. Sozialdemokratische Gewerkschaften lassen in der Regel einen Betriebsrat gr&#xFC;nden und fokussieren sich auf die M&#xF6;glichkeiten, Recht und Gesetz im Betrieb durchzusetzen. Die IWW sind jedoch eine revolution&#xE4;re Gewerkschaft. Wir planen, uns nicht auf die Gesetze zu verlassen, um f&#xFC;r Stabilit&#xE4;t zu sorgen. Wir halten die k&#xE4;mpferische Dynamik unter uns Kolleg*innen aufrecht, indem wir umfassende Demokratie praktizieren und mehr Arbeiter*innen f&#xFC;r Aktionen gewinnen. </p><blockquote>Wir planen, uns nicht auf die Gesetze zu verlassen, um f&#xFC;r Stabilit&#xE4;t zu sorgen.</blockquote><p>Ihr solltet den Kurs 102 schon fr&#xFC;h belegen, weil er sich mit den Details direkter Demokratie im Betrieb, der Steigerung direkter Aktionen und Stabilit&#xE4;t eures Komitees befasst. Es ist wichtig, in den fr&#xFC;hen Phasen einer Kampagne nachhaltige Umgangsformen zu bilden und sich auf eine strategische Planung zu einigen. Unsere st&#xE4;rkste Waffe ist die Solidarit&#xE4;t, und diese Trainings vermitteln die Grundlagen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft" rel="noreferrer"><em>Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft</em></a>.</p><h3 id="organisiere-deinen-arbeitsplatz">&#xA0;<strong>Organisiere deinen Arbeitsplatz</strong></h3><p>Die Organisierung deines eigenen Betriebs bringt dir und der Gewerkschaft viele Vorteile, selbst wenn du nur die ersten Schritte unternimmst. Wenn du anf&#xE4;ngst, dir gute Angewohnheiten f&#xFC;r dein Organizing anzueignen, werden diese mit der Zeit immer selbstverst&#xE4;ndlicher. Die Beschaffung von Kontaktinformationen der Kolleg*innen ist nicht mehr so schwierig, und du wirst anfangen, in deiner Planung genauer vorzugehen. Einzelgespr&#xE4;che mit Kolleg*innen werden mit zunehmender &#xDC;bung reibungsloser verlaufen. Und selbst wenn du an einer Stelle nur geringe Fortschritte machst, kannst du auf diese Erfahrungen in Zukunft zur&#xFC;ckgreifen.&#xA0;</p><h3 id="besuche-ein-weiteres-training">&#xA0;<strong>Besuche ein weiteres Training</strong></h3><p>Kein Training ist wie das andere! Jedes Mal lernst du von anderen Trainer*innen und anderen Teilnehmenden. Jede*r bringt ihren eigenen Schulungsstil und ihre eigenen Erfahrungen mit. Seien wir ehrlich zu uns selbst: Jede Schulung umfasst ungef&#xE4;hr 16 Stunden Material. Wir werden niemals alles in einem Durchgang auswendig lernen k&#xF6;nnen, nicht einmal in zwei. Nimm an vielen Trainings teil und habe Spa&#xDF; dabei!</p><h3 id="werde-organizing-trainerin"><a href="https://www.wobblies.org/bildung/trainerin-werden/" rel="noreferrer"><strong>Werde Organizing Trainer*in</strong></a></h3><p>Organizing-Trainer*innen sind von der Gewerkschaft f&#xFC;r die Durchf&#xFC;hrung unserer offiziellen Trainings zugelassen. Sie k&#xF6;nnen aus ihren Erfahrungen sch&#xF6;pfen, um ihren Schulungen eine pers&#xF6;nliche Note zu verleihen. Es kann f&#xFC;r Neulinge sehr inspirierend sein, pers&#xF6;nliche Geschichten aus der Praxis zu h&#xF6;ren, selbst wenn sie nur eine physische Karte oder ein Soziogramm von einem ihrer Arbeitspl&#xE4;tze zeigen. Wenn du IWW-Trainer*in wirst, kannst du mit anderen Trainer*innen zusammenarbeiten, um Trainings durchzuf&#xFC;hren, und so kannst du von deren Lehrmethoden und Erfahrungen lernen. Das ist eine gro&#xDF;artige M&#xF6;glichkeit, neue Lektionen zu lernen und deine Lernerfahrungen in der Gewerkschaft weiterzugeben.</p><p>Das Training Komitee (TK) kann dich zu einer OT101-Trainer*in, einer OT102-Trainer*in und einer Trainer*in f&#xFC;r ein Training For Trainers (T4T=Multiplikator*innenschulung) ausbilden. Bei jedem T4T lernst du einige neue Trainingstechniken, aber es wird vorausgesetzt, dass du mit dem Lehrplan bereits vertraut bist. Deshalb ist es gut, wenn du bereits einige Male an dem Training teilgenommen und erste Erfahrungen in der betrieblichen Organisierung gesammelt hast. Mache dir keine Sorgen, dass du jedes einzelne Detail kennen musst; du wirst ein besseres Verst&#xE4;ndnis bekommen, je mehr Trainings du absolvierst, und wenn du als Trainer*in beginnst, wirst du mit eine*r erfahreneren Trainer*in zusammenarbeiten.&#xA0;</p><blockquote>Vielleicht habt ihr an einer direkten Aktion teilgenommen, die gescheitert ist. Ihr k&#xF6;nnt das in eine Lernerfahrung verwandeln, indem ihr mit euren Kolleg*innen eine Nachbesprechung macht oder dar&#xFC;ber schreibt.</blockquote><h3 id="organisiere-weiter">&#xA0;<strong>Organisiere weiter!</strong></h3><p>Je mehr wir organisieren und andere Wobblies ausbilden, um zu organisieren, desto bessere Organizer*innen und Trainer*innen werden wir. Manchmal geht eine Kampagne vielleicht nur so weit, dass man ein Soziogramm erstellen kann, aber dann kann man dieses Soziogramm verwenden, wenn man andere IWW-Mitglieder darin schult! Vielleicht habt ihr an einer direkten Aktion teilgenommen, die gescheitert ist. Ihr k&#xF6;nnt das in eine Lernerfahrung verwandeln, indem ihr mit euren Kolleg*innen eine Nachbesprechung macht oder dar&#xFC;ber schreibt. Je mehr wir lernen, kleinere H&#xFC;rden zu &#xFC;berwinden, desto besser sind wir darauf vorbereitet, die n&#xE4;chsten in Angriff zu nehmen und mehr Wobblies mitzunehmen. K&#xE4;mpfe weiter f&#xFC;r das Gute und h&#xF6;re nie auf, ein Level aufsteigen!</p><p>Der Artikel erschien im Jahr 2022 zuerst hier: <a href="https://industrialworker.org/level-up/">https://industrialworker.org/level-up/</a></p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Die rote Flamme brennt]]></title><description><![CDATA[Pete Davies beschreibt die Erfolge und Erkenntnisse aus der Kampagne beim Lieferdienst Deliveroo im Vereinigten Königreich.]]></description><link>https://spuren.cc/die-rote-flamme-brennt-deliverunion-uk-deliveroo/</link><guid isPermaLink="false">66fbc327bde4a002f74609d0</guid><category><![CDATA[Kampagnenberichte]]></category><dc:creator><![CDATA[Pete Davies]]></dc:creator><pubDate>Mon, 21 Oct 2024 06:00:27 GMT</pubDate><media:content url="https://spuren.cc/content/images/2024/10/Main2.jpg" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<figure class="kg-card kg-embed-card kg-card-hascaption"><iframe width="200" height="113" src="https://www.youtube.com/embed/8m8u77xhDuU?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen title="Bristol Roo Riders: How We Win"></iframe><figcaption><img src="https://spuren.cc/content/images/2024/10/Main2.jpg" alt="Die rote Flamme brennt"><p><span style="white-space: pre-wrap;">Kampagnenvideo aus Bristol (2017)</span></p></figcaption></figure><p>Das <a href="https://iww.org.uk/iww-couriers-network/" rel="noreferrer">Netzwerk der Kuriere</a> (englisch: &#x201E;Courier Network&#x201C;) der Industrial Workers of the World (IWW) wurde im Januar 2018 gegr&#xFC;ndet, um prek&#xE4;re Arbeiter*innen in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gig_Economy" rel="noreferrer">Gig-Economy</a>&#xA0;zu unterst&#xFC;tzen. Der Gedanke hinter dem Netzwerk war, dass es eine lockere Struktur sein w&#xFC;rde, die Kuriere als Arbeiterinnen und Arbeiter organisieren k&#xF6;nnte. Ohne dass sie der IWW beitreten und Gewerkschaftsbeitr&#xE4;ge zahlen m&#xFC;ssten. </p><blockquote>Der Gedanke hinter dem Netzwerk war, dass es eine lockere Struktur sein w&#xFC;rde.</blockquote><p>Diese Arbeiter*innen wurden als &#x201E;Selbstst&#xE4;ndige&#x201C; eingestuft und hatten deshalb nicht die normalen Vorteile der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft. Dazu geh&#xF6;ren &#xFC;blicherweise eine individuelle Vertretung oder rechtliche Unterst&#xFC;tzung zur Verteidigung der Arbeiter*innenrechte. Ein lockeres Netzwerk erschien uns deshalb als passend.</p><p>Nat&#xFC;rlich stand es jeder*r Kurierfahrer*in frei, beitragszahlendes Mitglied zu werden. Aber dies war keine Voraussetzung f&#xFC;r eine Mitarbeit. Wir ermutigten jedoch die f&#xFC;hrenden Organizer*innen, sich der IWW anzuschlie&#xDF;en. Das erm&#xF6;glichte ihnen, Kontakte zu erfahrenen Organizer*innen au&#xDF;erhalb des Kurier-Netzwerks aufzubauen, um Fortbildungen in Anspruch zu nehmen oder Kosten f&#xFC;r die Organisierung erstattet zu bekommen usw.</p><p>Aus der Sicht der IWW ging es beim Kurier-Netzwerk darum, den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Prekariat" rel="noreferrer">prek&#xE4;rsten</a>&#xA0;Arbeiter*innen bei der Selbstorganisation zu helfen. Es war uns weniger wichtig Mitglieder und Beitr&#xE4;ge f&#xFC;r die Gewerkschaft zu erh&#xF6;hen. Wir hofften und beabsichtigten, dass die Kuriere die Vorteile der Gewerkschaften kennenlernen w&#xFC;rden, wenn sie sich gemeinsam organisieren, um ihre eigenen Interessen zu verteidigen. So wie Solidarit&#xE4;t unter den Arbeiter*innen zu praktizieren. Viele Teilnehmende waren zu Beginn skeptisch und misstrauisch gegen&#xFC;ber Gewerkschaften. Sie wussten kaum, was Gewerkschaften sind, und schienen sich die Gewerkschaft als eine externe Partei vorzustellen. Dazu geh&#xF6;rte die Vorstellung, dass Gewerkschaften im besten Fall Probleme in ihrem Namen l&#xF6;sen. Und sich im schlimmsten Fall in ihre Gesch&#xE4;fte einmischen und sie in Konflikte hineinziehen w&#xFC;rde. Wir mussten also erstmal Vertrauen aufbauen und den Fahrer*innen versichern, dass sie selbst die Gewerkschaft sind.</p><p>&#xA0;Wir waren uns von Anfang an sicher, dass die Kurier*innen die F&#xFC;hrung im Netzwerk &#xFC;bernehmen w&#xFC;rden. IWW-Organizer*innen (die selbst keine Fahrer*innen waren) sollten eine unterst&#xFC;tzende Rolle einnehmen, um Rat und Unterst&#xFC;tzung beizusteuern. Die Gewerkschaft selbst sollte die notwendigen Ressourcen f&#xFC;r die Kampagne zur Verf&#xFC;gung stellen. Die Idee war, dass das Kurier-Netzwerk eine lockere und flexible Vereinigung sein w&#xFC;rde. Damit w&#xFC;rde es die Realit&#xE4;t der Gig-Economy selbst abbilden und ihr kollektive Selbstorganisation entgegenstellen.</p><h3 id="wie-alles-begann">&#xA0;<strong>Wie alles begann</strong></h3><p>Beginnend in Cardiff (Wales) und dann in Glasgow (Schottland) machte das Kurier-Netzwerk in wenigen Monaten einige echte Fortschritte, und bald war das Netzwerk in mehreren St&#xE4;dten im ganzen Vereinigten K&#xF6;nigreich vertreten. Wir organisierten uns um Probleme herum, die von den Fahrer*innen ge&#xE4;u&#xDF;ert wurden. Es ging haupts&#xE4;chlich um die niedrige Bezahlung pro Lieferung, unbezahlte Wartezeiten in Restaurants, Gesundheit und Sicherheit. Allesamt grundlegende Fragen des Br&#xF6;tchen-Verdienens. Es ging aber weniger darum, den Status als Selbstst&#xE4;ndige abzuschaffen. Wir stellten fest, dass nur wenige Fahrer*innen ein Interesse am Arbeiter*innenstatus hatten. Die Mehrheit derer, die eine Meinung dazu hatten, wollte die wahrgenommene Freiheit der &#x201E;Selbstst&#xE4;ndigkeit&#x201C; beibehalten. F&#xFC;r das Kurier-Netzwerk wurde die Auseinandersetzung um die Einordnung als Lohnabh&#xE4;ngige eines Unternehmens deshalb auf einen sp&#xE4;teren Zeitpunkt vertagt.</p><blockquote>Es fiel uns schwer, die Arbeitsbedingungen zu thematisieren.</blockquote><p>Es fiel uns schwer, die Arbeitsbedingungen zu thematisieren. Es gab keine Chefs, mit denen wir uns befassen mussten. Die Unternehmen selbst weigerten sich, sich mit uns in irgendeiner Form auseinanderzusetzen. In vielen St&#xE4;dten gab es auch keine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deliveroo " rel="noreferrer">Deliveroo</a> oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Uber_(Unternehmen)" rel="noreferrer">UberEats</a>-B&#xFC;ros, in denen wir uns bemerkbar machen konnten.</p><p>Wir hatten es als Gewerkschaft genau genommen mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mobile_App" rel="noreferrer">App</a>&#xA0;und mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bot" rel="noreferrer">Bot</a>-Antworten von enorm m&#xE4;chtigen multinationalen Unternehmen zu tun. Den Arbeitgeber &#xFC;berhaupt nur anzusprechen, war deshalb enorm schwierig. Sie schienen ebenfalls &#xFC;ber unbegrenzte Ressourcen zu verf&#xFC;gen und waren manchmal offensichtlich bereit, die Medien zu bel&#xFC;gen, um mit ihren ausbeuterischen Gesch&#xE4;ftspraktiken davonzukommen.</p><blockquote>Die Gewerkschaft ver&#xE4;nderte etwas bei den Wartezeiten.</blockquote><p>Da wir nicht in der Lage waren, die Bosse herauszufordern oder mit ihnen zu verhandeln, waren wir gezwungen, so kreativ wie m&#xF6;glich zu sein. Einige Ideen waren wirksam. Die Gewerkschaft ver&#xE4;nderte etwas bei den Wartezeiten. Wir konnten direkten Druck auf diejenigen aus&#xFC;ben, die die Fahrer*innen zu lange warten lie&#xDF;en oder die Fahrer*innen nicht mit Respekt behandelten. Die Fahrer*innen best&#xE4;tigten uns, dass es in diesen Bereichen deutliche Verbesserungen gab.</p><p>Eine weitere Taktik war unser Einfluss auf die Erz&#xE4;hlung von Ereignissen. Als es kurz vor Weihnachten 2018 zu Massenentlassungen von Fahrer*innen kam, die auf fadenscheinigen Behauptungen &#xFC;ber Essensdiebstahl basierten, konnten wir Deliveroo erfolgreich unter Druck setzen. Wir brachten die Geschichte in die Presse. Wir versuchten, dem nachzugehen, indem wir Fahrer*innen ihren gesetzlichen Anspruch auf Datenauskunft stellen lie&#xDF;en. Um an die Informationen zu kommen, weshalb sie wirklich entlassen worden waren. Wie erwartet erbrachten die eingereichten Verdachtsmeldungen keine Beweise f&#xFC;r die Unehrlichkeit der Fahrer*innen. Wir waren jedoch nicht in der Lage, mehr als einen kleinen Teil der entlassenen Fahrer zu ermutigen, sie einzureichen. Im Gro&#xDF;en und Ganzen kamen die entlassenen Fahrer*innen zum Kurier-Netzwerk und baten uns, sie wieder einzustellen. Sie wollten sich selbst nicht in eine Kampagne einmischen oder Anfragen mit der von uns zur Verf&#xFC;gung gestellten Vorlage stellen. W&#xE4;hrend wir versuchten, die Selbstorganisation zu st&#xE4;rken, wollten die Fahrer*innen, dass die IWW in ihrem Namen eine Dienstleistung erbringt.</p><blockquote>Die Fahrer*innen schienen manchmal kein Interesse an der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu haben.</blockquote><p>Letztlich waren unsere M&#xF6;glichkeiten als Gewerkschaft durch die Art der Gig-Economy begrenzt. Die Fahrer*innen schienen manchmal kein Interesse an der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu haben und konnten den lokalen Organizer*innen feindlich gesinnt sein. Die Kehrseite dieser Medaille war, dass die Fahrer*innen, wenn sie sich &#xFC;ber die Arbeitsbedingungen aufregten, selbst stark f&#xFC;r Streikaktionen agitierten. Streiks standen immer auf der Tagesordnung, da es keine anderen praktikablen Optionen gab. Als Organizer*innen versuchten wir oft, die Fahrer*innen dazu zu bewegen, &#xFC;ber andere M&#xF6;glichkeiten nachzudenken, ihre Ziele zu erreichen. Damit sie nicht immer verzweifelt auf die Unternehmen schauten, w&#xE4;hrend sie von null auf 100&#xA0;% in einen kompletten Streikmodus &#xFC;bergehen wollten.</p><p>Der Fast-Food-Streik mit dem Titel <a href="https://waronwant.org/news-analysis/fast-food-shutdown-ffs410" rel="noreferrer">#FFS410 (TM IWW Couriers Network</a>)&#xA0;war eine mit anderen Gewerkschaften der Lebensmittelindustrie koordinierte Aktion. Die IWW f&#xFC;hrten, mobilisierten und erleichterten einen Massenstreik von sch&#xE4;tzungsweise 1000 Fahrer*innen in 10 britischen St&#xE4;dten. Gegen den Rat von Organizer*innen anderer Gewerkschaften bestanden wir darauf, dass Kuriere als Selbstst&#xE4;ndige ihre Arbeitskraft frei enthalten konnten. Damit kam das restriktive Arbeitsrecht bez&#xFC;glich Arbeitskampfma&#xDF;nahmen nicht zur Anwendung. Aus unserer Sicht wandte dies die Logik der Gig-Economy gegen sich selbst.</p><p>Aber nach reiflicher &#xDC;berlegung hatten die Streiks selbst insgesamt negative Auswirkungen auf das Netzwerk der Kuriere. F&#xFC;r unsere wenigen wichtigen IWW-Organizer*innen und Fahrer*innen war der Fast-Food-Streik eine riesige Herausforderung. Mehrere sind ausgebrannt und zusammengebrochen. Schlie&#xDF;lich hatten sie nebenher auch noch eigene Jobs an anderen Arbeitspl&#xE4;tzen.&#xA0;</p><p>Zahlreiche weitere Streiks in einzelnen St&#xE4;dten im Laufe des Jahres 2018 und bis in das Jahr 2019 hinein folgten einem &#xE4;hnlichen Muster. Ein erster Kurier*innenstreik in einer bestimmten Stadt war im Allgemeinen erfolgreich, wobei die Fahrer*innen und Massendemonstrationen von vielen unterst&#xFC;tzt wurden. Anschlie&#xDF;ende Folgestreiks waren eine ganz andere Sache und wurden von den Fahrer*innen deutlich weniger gut unterst&#xFC;tzt. Als gewerkschaftliche Organizer*innen hatten wir die Streiks als eine M&#xF6;glichkeit gesehen, Solidarit&#xE4;t und ein Gef&#xFC;hl der potenziellen kollektiven Macht auf mittlere bis lange Sicht aufzubauen. Uns war nicht klar, dass die Fahrer*innen unmittelbar greifbare Ergebnisse von den Streiks erwarteten. Wir hatten es vers&#xE4;umt, sie zu <a href="https://spuren.cc/glossar/#impfen" rel="noreferrer">impfen</a>, wie wir es h&#xE4;tten tun sollen. Es gab einige wenige F&#xE4;lle, in denen Fahrer-Organizer*innen, die erfolgreiche Erststreiks in ihren St&#xE4;dten f&#xFC;hrten, demoralisiert wurden und die Organisation aufgaben, als ein Folgestreik scheiterte.&#xA0;</p><h3 id="die-st%C3%A4rken-und-schw%C3%A4chen-des-netzwerks"><strong>Die St&#xE4;rken und Schw&#xE4;chen des Netzwerks</strong></h3><p>Am optimalsten funktionierte das Kurier-Netzwerk, wo starke Fahrer*innen eng mit den IWW-Organizer*innen und -Ortsgruppen zusammenarbeiteten. Aus verschiedenen Gr&#xFC;nden entwickelten sich diese Beziehungen jedoch nur in wenigen, vereinzelten St&#xE4;dten. Anders, als wir uns erhofft hatten. In einigen St&#xE4;dten war die Ortsgruppe bereit und in der Lage, aber es gab nur wenig Interesse von Kurier*innen und niemand meldete sich. Es erwies sich f&#xFC;r externe IWW-Organizer*innen als nahezu unm&#xF6;glich, das Misstrauen zu &#xFC;berwinden und Beziehungen zu den Fahrer*innen aufzubauen ohne gewerkschaftlich organisierte Fahrer*innen. In anderen St&#xE4;dten hatten wir aufgestachelte Kuriere und Fahrer*innen-Organizer*innen, die sich um die Unterst&#xFC;tzung der IWW bem&#xFC;hten. Aber der &#xF6;rtlichen Ortsgruppe fehlte die Kapazit&#xE4;t, um sie zu unterst&#xFC;tzen.</p><blockquote>Die Gemeinschaften von Kurier*innen sind im Allgemeinen sehr geschlossen.</blockquote><p>Die Gemeinschaften von Kurier*innen sind im Allgemeinen sehr geschlossen. Fahrer*innen-Organizer*innen mussten von den Kurieren respektiert werden. Ansonsten gab es eine weitverbreitete Unwilligkeit, sich auf konstruktive Diskussionen einzulassen und M&#xF6;glichkeiten f&#xFC;r gemeinsame Aktionen zu pr&#xFC;fen. Wo dieser Respekt fehlte, wurden Mitfahrer-Organizer*innen von anderen Kurieren ignoriert oder sogar missbraucht. Es schien, dass Training und Unterst&#xFC;tzung durch die IWW nicht wirklich in der Lage waren, dieses Problem zu &#xFC;berwinden.&#xA0;</p><p>Ein Beispiel f&#xFC;r die Innen-/Au&#xDF;en-Dynamik sind die Online-Chats, die eine wichtige Organisationsplattform f&#xFC;r das Kurier-Netzwerk waren. Gelegentlich wurden ziemlich zweifelhafte Kommentare von Kurieren abgegeben, die beispielsweise frauenfeindlich oder homophob waren. Diese wurden in der Regel von den Kurieren selbst bearbeitet, was offensichtlich ideal ist. Es gab jedoch einen Fall, in dem ein besonders b&#xF6;ses sexualisiertes Bild einer weiblichen Deliveroo-F&#xFC;hrungskraft von einem Kurier verschickt wurde, das von anderen Fahrern innerhalb der Gruppe positiv aufgenommen wurde. Ein IWW-Organizer machte der Person, die den Kurier geschickt hatte, eine private Mitteilung, um anzudeuten, dass sich die Fahrerinnen in der Gruppe damit vielleicht unwohl f&#xFC;hlten. Dann brach die H&#xF6;lle los in dieser Gruppe. Die Schl&#xFC;sselpersonen verb&#xFC;ndeten sich und stellten die IWW als Au&#xDF;enseiter dar, die sich in ihre Gemeinschaft einmischen. Dassjemand eine private Nachricht erhalten hatte, wurde selbst als hinterh&#xE4;ltig dargestellt. Das war das Ende der Beziehung zwischen den Fahrern und der IWW in dieser Stadt. Wir glauben nicht, dass sich die Organisation der Fahrer*innen nach diesem Vorfall weiterentwickelt hat.</p><p>Das Netzwerk der Kuriere ruht derzeit. Die Fahrer*innen im ganzen Vereinigten K&#xF6;nigreich scheinen die Gewerkschaften immer mehr zu verdr&#xE4;ngen. Sie scheinen selbst zu organisieren, ohne externe Unterst&#xFC;tzung, die sie oft als &#x201E;dritte Partei&#x201C; wahrnehmen. Die Streiks, die das Kurier-Netzwerk organisiert hat, wurden ziemlich offen und &#xF6;ffentlich durchgef&#xFC;hrt, um die Unterst&#xFC;tzung zu maximieren und die Streiks so effektiv wie m&#xF6;glich zu gestalten. Restaurants dazu zu bringen, ihre Apps auszuschalten, erwies sich als eine effektive virtuelle Streikpostenkette. Aber die neue Welle selbstorganisierter Streiks scheint im Verborgenen organisiert worden zu sein als &#xDC;berraschungsstreiks. M&#xF6;glicherweise, um Fahrer*innen von nahe gelegenen Orten abzuschrecken, die den Streik unterlaufen wollen.</p><h3 id="schlussfolgerungen-aus-der-kampagne"><strong>Schlussfolgerungen aus der Kampagne</strong></h3><p>Wir haben aus der Kampagne des Kurier-Netzwerkes gelernt. Eine der wichtigsten Lektionen ist, dass es keinen Ersatz f&#xFC;r interne Organizer*innen gibt. Das gilt f&#xFC;r alle Kampagnen, aber besonders in eng verbundenen Gemeinden wie den Belegschaften des Kuriernetzwerks. Externe Organizer*innen werden mit Misstrauen behandelt, und wenn man keine bezahlte Organizer*in ist, hat man nicht die Zeit, sich Vertrauen zu verdienen. Wir h&#xE4;tten mehr Schl&#xFC;sselpersonen ausfindig machen und uns st&#xE4;rker auf sie st&#xFC;tzen sollen, um Organizer*innen zu werden und ein solides Team als Grundlage f&#xFC;r das Netzwerk aufzubauen. Wir h&#xE4;tten unser ma&#xDF;geschneidertes Kurier-Organizer*innentraining schon fr&#xFC;her fertigstellen und sicherstellen sollen, dass es in m&#xF6;glichst vielen Ortsgruppen des Netzwerks durchgef&#xFC;hrt wird. Damit h&#xE4;tten wir mehr um diese Organizer*innen ausbilden k&#xF6;nnen.</p><p>Die Kuriere hatten nur wenig Zeit, um an Gewerkschaftssitzungen teilzunehmen. Die meiste Kommunikation fand in WhatsApp-Gruppen statt, die manchmal problematisch sein konnten und durch die anhaltende Negativit&#xE4;t von nur ein oder zwei Personen nach unten gezogen wurden. Wir h&#xE4;tten bessere Wege finden k&#xF6;nnen, um die Fahrer*innen in konstruktive Diskussionen einzubeziehen und an der Entscheidungsfindung teilzunehmen.&#xA0;</p><p>Wir haben auch gesehen, dass Streiks, die auf falschen Hoffnungen auf sofortige Ergebnisse beruhen, nur zur Ern&#xFC;chterung f&#xFC;hren und der Kampagne l&#xE4;ngerfristig schaden werden. Wir m&#xFC;ssten realistische und erreichbare Ziele besser vermitteln. Es gibt nichts Schlimmeres als zu viel versprochene und zu wenig erreichte Ziele. Wir haben zwar als IWW-Organizer*innen keine derartigen Versprechungen gemacht. Aber wir h&#xE4;tten einen anderen Umgang mit den Erwartungen der Kolleg*innen finden k&#xF6;nnen, die neu mit Gewerkschaften in Ber&#xFC;hrung kamen und zum ersten Mal kollektive Aktionen machten.&#xA0;</p><p>Das IWW-Kurier-Netzwerk h&#xE4;tte weniger reaktiv sein und eine bessere langfristige Strategie verfolgen k&#xF6;nnen, obwohl wir darauf versuchten hinzuarbeiten. Wir h&#xE4;tten gezielte Aktionen in St&#xE4;dten durchf&#xFC;hren k&#xF6;nnen, in denen es physische B&#xFC;ros und Personal gab. Die IWW h&#xE4;tte die Anreise der Kurier*innen bezahlen k&#xF6;nnen, um dorthin zu reisen. Dabei h&#xE4;tten wir die St&#xE4;rken des unklaren rechtlichen Status des Arbeitskampfes der Kuriere ausnutzen k&#xF6;nnen, um verbotene Taktiken wie &#x201E;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Streikposten" rel="noreferrer">fliegende Streikposten</a>&#x201C;&#xA0;zur&#xFC;ckzubringen. Alles in allem war eine viel bessere nationale Koordination erforderlich. Eine Reihe unserer st&#xE4;dtischen Kurier-Netzwerke ignorierte die grundlegenden nationalen Strukturen, die die IWW eingerichtet hatte. Darunter einen nationalen Hauptorganizer, Kommunikationskan&#xE4;le und Treffen. Jede Stadt, die ihre eigenen Dinge ohne Ansprache trifft, hat auch bei einer gro&#xDF;en Flexibilit&#xE4;t offensichtliche Nachteile. Viele dieser Dinge w&#xE4;ren angegangen und verbessert werden k&#xF6;nnen, aber die f&#xFC;hrenden Organizer*innen im Kern waren von der Geschwindigkeit und dem Ausma&#xDF; der Ereignisse &#xFC;berfordert und daher gezwungen, viel reaktiver zu handeln.&#xA0;</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div><p><em>Von uns &#xFC;bersetzt und redaktionell bearbeitet, um eine bessere Lesbarkeit herzustellen.</em></p><p>Der Artikel erschien im Jahr 2020 zuerst hier:&#xA0;<a href="https://libcom.org/article/flamme-rouge-reflections-iww-couriers-network"><u>https://libcom.org/article/flamme-rouge-reflections-iww-couriers-network</u></a></p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Den Bierbauch loswerden]]></title><description><![CDATA[Die Reise einer allgemeinen Ortsgruppe der IWW von einem Klub alter Herren zur produktiven gewerkschaftlichen Organisierung.]]></description><link>https://spuren.cc/den-bierbauch-loswerden/</link><guid isPermaLink="false">66f694b7bde4a002f7460960</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><dc:creator><![CDATA[Daniel Bovart-Katz]]></dc:creator><pubDate>Mon, 30 Sep 2024 06:21:02 GMT</pubDate><media:content url="https://spuren.cc/content/images/2024/09/losing-beer-belly.png" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<img src="https://spuren.cc/content/images/2024/09/losing-beer-belly.png" alt="Den Bierbauch loswerden"><p>Vor etwa 5 Jahren, nicht lange, nachdem ich der IWW beigetreten war, postete jemand eine Frage in einer der Unmengen inoffizieller IWW-Facebook-Gruppen &#x2013; So im Stil von: &#x201E;Welche Probleme hat eure Ortsgruppe?&#x201C;. Ein Mitglied unserer Ortsgruppe antwortete, dass wir alle m&#xE4;nnlich seien. Das stimmte zwar nicht ganz. Aber es war nahe genug an der Wahrheit, dass ein aktives Mitglied unserer Ortsgruppe den Fehler in gutem Glauben gemacht hatte. Es folgte eine Diskussion, aber es wurden nur wenige feuerfeste L&#xF6;sungen vorgeschlagen. Ein Mitglied aus einer anderen Ortsgruppe meldete sich zu Wort und sagte: &#x201E;Es ist schwer, den Bierbauch wieder loszuwerden, wenn man ihn einmal bekommen hat.&#x201C; Ungef&#xE4;hr vier Jahre sp&#xE4;ter sa&#xDF; ich auf dem Treffen unserer Ortsgruppe und war der einzige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe" rel="noreferrer">Wei&#xDF;e</a> und einer von insgesamt nur zwei M&#xE4;nnern, die anwesend waren. Die Versammlung hatte mich auch nicht f&#xFC;r die Beschlussf&#xE4;higkeit gebraucht. Einige Monate sp&#xE4;ter fanden in unserer Ortsgruppe Wahlen statt, bei denen von insgesamt elf Personen f&#xFC;nf verschiedene Frauen in offizielle Positionen gew&#xE4;hlt wurden, darunter auch unsere Ortsgruppensekret&#xE4;rin, Finanzer*in sowie die stellvertretende Finanzer*in. Nachdem wir diese Fortschritte gemacht haben, lohnt es sich, dar&#xFC;ber nachzudenken, was in der Entwicklung funktioniert hat und was nicht.</p><h2 id="was-wir-versucht-haben">Was wir versucht haben.</h2><p>F&#xFC;r diejenigen, die es nicht wissen: die IWW koordinieren einen Gro&#xDF;teil ihrer Aktivit&#xE4;ten &#xFC;ber allgemeine Ortsgruppen. Ortsgruppen vereinen Arbeiter*innen eines geografischen Gebiets, um sich zu treffen und die Organisierung am Arbeitsplatz zu planen. Zu dieser Zeit war unsere Ortsgruppe fast ausschlie&#xDF;lich m&#xE4;nnlich besetzt, wobei mehrere Frauen austraten und Sexismus als Grund angaben. Da wir wussten, dass die Arbeiter*innenklasse nicht zu 95 Prozent aus M&#xE4;nnern besteht und Sexismus grunds&#xE4;tzlich schlecht ist, beschlossen wir, etwas gegen diesen Zustand zu unternehmen. Unsere Ortsgruppe gr&#xFC;ndete in kurzer Zeit eine Arbeitsgruppe f&#xFC;r Gleichstellungsfragen und beschloss, einen Katalog an Ma&#xDF;nahmen zu verabschieden. Zum Beispiel bekamen Menschen aus weiter marginalisierten Hintergr&#xFC;nden einen Vorrang auf der Redeliste unserer Treffen.</p><blockquote>&quot;Leider ist es einfacher, Ma&#xDF;nahmen zu beschlie&#xDF;en, als sie tats&#xE4;chlich umzusetzen.&quot;</blockquote><p>Leider ist es einfacher, Ma&#xDF;nahmen zu beschlie&#xDF;en, als sie tats&#xE4;chlich umzusetzen. Der Werdegang der <a href="https://spuren.cc/glossar/#caucus" rel="noreferrer">Gleichstellungs-Arbeitsgruppe</a> ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Die Arbeitsgruppe wurde auf einer Branchenversammlung Ende 2017 als Zusammenschluss von Arbeiter*innen gegr&#xFC;ndet, die nicht nur aus der Arbeiter*innenklasse stammten. Sondern sie waren auch in irgendeiner Weise marginalisiert. Frauen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transgeschlechtlichkeit" rel="noreferrer">nicht-bin&#xE4;re Arbeiter*innen</a>, nicht-wei&#xDF;e Arbeiter*innen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Queer" rel="noreferrer">queere</a> Arbeiter*innen, behinderte Arbeiter*innen und so weiter. Diese Kolleg*innen wollten erstmal unter sich bleiben und dem Rest der Ortsgruppe dann Vorschl&#xE4;ge machen.&#xA0;</p><p>Die Kollegin, die die Gr&#xFC;ndung der Arbeitsgruppe vorangetrieben hatte, verlie&#xDF; die Gewerkschaft kurz danach. Unter dem Rest der Mitglieder gab es nicht gen&#xFC;gend Menschen, die sich qualifiziert f&#xFC;hlten, diese Gruppe zu betreiben. Das Thema Gleichstellung existierte nur noch als Tagesordnungspunkt auf unseren Sitzungen der Ortsgruppe. Auf jeder Sitzung wiesen wir pflichtbewusst darauf hin, dass die Arbeitsgruppe keine*n Vorsitzende* hatte. Schlie&#xDF;lich stimmten wir daf&#xFC;r, die Arbeitsgruppe aufzul&#xF6;sen und stattdessen ein Gleichstellungskomitee zu gr&#xFC;nden, in dem alle mitmachen konnten. Das Komitee machte einige Vorschl&#xE4;ge, darunter ein &#x201E;Beschwerdeverfahren&#x201C;, bei der sich Mitglieder anonym beschweren konnten, wenn sie sich sexistisch behandelt f&#xFC;hlten. Dies war das Ergebnis der ersten und einzigen Sitzung des Gleichstellungskomitees.</p><p>Sofern ich das beurteilen kann, wurde das Beschwerdeverfahren nie genutzt. Der Grundgedanke ist zwar nach wie vor vorhanden, wird aber selten auf den Treffen angesprochen. Sofern ich das beurteilen kann, war das Beste, was daraus entstand, dass sich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transgeschlechtlichkeit" rel="noreferrer">Trans*-Arbeiter*innen</a> dar&#xFC;ber freuten, dass ihre Existenz anerkannt und begr&#xFC;&#xDF;t wurde. Als ich mich f&#xFC;r diesen Artikel an einige Frauen in unserer Ortsgruppe wandte, sagte mir eine, dass sie das Gef&#xFC;hl habe, dass wir uns nicht and das Beschwerdeverfahren hielten.&#xA0;&#xA0;F&#xFC;r Sie f&#xFC;hle sich die Existenz des Verfahrens erniedrigend an und wir sollten es abschaffen.</p><h2 id="was-tats%C3%A4chlich-funktionierte"><strong>Was tats&#xE4;chlich funktionierte.</strong></h2><p>&#xA0;Wenn also alle unsere Versuche, gegen Sexismus vorzugehen, gescheitert sind, wie konnte unsere Ortsgruppe dann dort landen, wo sie heute ist? Frauen sind in etwa in der H&#xE4;lfte unserer gew&#xE4;hlten Positionen, eingeschlossen der sichtbarsten Positionen. Zun&#xE4;chst einmal muss man verstehen, dass <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sexismus" rel="noreferrer">Sexismus</a> bei weitem nicht unser einziges Problem war.</p><blockquote>&quot;Zun&#xE4;chst einmal muss man verstehen, dass <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sexismus" rel="noreferrer">Sexismus</a> bei weitem nicht unser einziges Problem war.&quot;</blockquote><p>Ungef&#xE4;hr zu der Zeit, als die Gr&#xFC;nderin unserer Gleichstellungs-Arbeitsgruppe die Ortsgruppe verlie&#xDF;, brach unsere Mitgliederzahl ein. Wir waren regelm&#xE4;&#xDF;ig nicht beschlussf&#xE4;hig, und die meisten Komitees trafen sich nur selten oder gar nicht. Sexismus war vielleicht das brisanteste Problem, mit dem unsere Ortsgruppe konfrontiert war, aber es war wahrscheinlich nicht das grundlegendste. Anfang 2018 meldeten sich sechs Kolleg*innen des gleichen Arbeitsplatzes bei uns, um ihren Arbeitsplatz zu organisieren. Alle sechs hatten unsere Mitgliedskarten, die Red Cards unterschrieben und Beitr&#xE4;ge gezahlt. Aber wir hatten keine lokale Unterst&#xFC;tzungsstruktur, in die wir sie einbinden konnten, oder Leute, die sich mit ihnen h&#xE4;tten treffen k&#xF6;nnen. Zuf&#xE4;lligerweise waren alle sechs Arbeiterinnen, und wenn sie Mitglieder geblieben w&#xE4;ren, h&#xE4;tten sie 25 Prozent unserer Ortsgruppe ausgemacht. W&#xE4;re unsere Ortsgruppe in der Lage gewesen, diese interessierten Arbeiterinnen zu unterst&#xFC;tzen, h&#xE4;tten unsere demografischen Probleme pl&#xF6;tzlich viel kleiner ausgesehen.</p><p>Obwohl uns dieser Betrieb entglitten ist, haben wir schlie&#xDF;lich eine Struktur aufgebaut, die es uns erm&#xF6;glicht, neue <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizer*innen</a> zu unterst&#xFC;tzen. Wir st&#xFC;tzten uns auf die Erfahrungen eines Mitglieds in der betrieblichen Organisierung unserer Ortsgruppe: Dem <a href="https://spuren.cc/glossar/#ot101-%E2%80%93-organizerinnen-training-101-%E2%80%9Abaue-das-komitee-auf%E2%80%98" rel="noreferrer">Organizer-Schulungsprogramm</a> der IWW und bauten Kontakte zu anderen Ortsgruppen auf. Wenn sich nun Kolleg*innen an unsere Ortsgruppe wenden, um eine Gewerkschaft in ihrem Betrieb aufzubauen, verf&#xFC;gen wir &#xFC;ber ein Team von Organizer*innen, die echte Kampagnen und Aktionen in den Betrieben erlebt haben. Sie sind deshalb in der Lage, ihnen zu helfen. Wenn Kolleg*innen der Gewerkschaft beitreten, ohne die Absicht zu haben, selber etwas in ihren Betrieben zu organisieren, k&#xF6;nnen wir sie mit echten Organisierungs- oder Unterst&#xFC;tzungsaktivit&#xE4;ten vernetzen. Wir k&#xF6;nnen Mitglieder anleiten, externe Organizer*innen zu werden und Schl&#xFC;sselpositionen zu &#xFC;bernehmen. Auf diese Weise wurden Frauen in unserer Ortsgruppe in gew&#xE4;hlte Posten gebracht &#x2013; indem sie die Arbeit machen konnten, f&#xFC;r die sie vermutlich auch Mitglied in der Gewerkschaft geworden sind. Eine Kollegin erz&#xE4;hlte mir, dass sie nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nur deshalb in der Gewerkschaft blieb, weil es einen Posten gab, f&#xFC;r den sie im Organizing-Komitee der Ortsgruppe kandidieren konnte. Es &#xFC;berrascht vielleicht nicht, dass &#x201E;Trete der Gewerkschaft bei und sorge daf&#xFC;r, dass wir weniger sexistisch sind&#x201C; ein weniger inspirierendes Verkaufsargument ist als &#x201E;Trete der Gewerkschaft bei, organisiere deine Kolleginnen und Kollegen und &#xFC;bernimm die Macht im Betrieb&#x201C;.</p><h2 id="abschlie%C3%9Fende-%C3%BCberlegungen">Abschlie&#xDF;ende &#xDC;berlegungen.</h2><p>Damit soll nicht gesagt werden, dass wir Fragen des Sexismus v&#xF6;llig ignorieren sollten. Auch wenn ein Mangel an Sexismus nicht ohne weiteres dazu f&#xFC;hrt, dass Frauen und nicht-bin&#xE4;re Menschen einer Organisation beitreten. So kann Sexismus dennoch ein Grund daf&#xFC;r sein, dass Kolleg*innen die Organisation verlassen. Vielmehr sollten wir verstehen, dass Sexismus mit anderen Problemen zusammenh&#xE4;ngt. Frauen und nicht-bin&#xE4;re Menschen werden nicht zu Organizer*innen, wenn sie ihre F&#xE4;higkeit zum Organisieren nicht entwickeln. Sie werden ihre F&#xE4;higkeiten auch nicht entwickeln, wenn ihnen niemand dabei hilft. Sie werden ihre F&#xE4;higkeit zum Organisieren auch nicht entwickeln, wenn die bestehenden Organizer*innen allesamt M&#xE4;nner sind, die nur diejenigen unterst&#xFC;tzen, mit denen sie das Gef&#xFC;hl haben, die meisten Gemeinsamkeiten zu haben. Oder mit denen sie am liebsten rumh&#xE4;ngen und ein Bier trinken w&#xFC;rden. Es ist wichtig verschiedene M&#xF6;glichkeiten f&#xFC;r interessierte Mitglieder zu schaffen. Dazu geh&#xF6;rt auch das Erkennen von Mitgliedern, die zwar anwesend sind, aber einen kleinen Ansto&#xDF; brauchen, um den n&#xE4;chsten Schritt zu tun und sich zu engagieren. Klar definierte Wege zur Unterst&#xFC;tzung von Menschen f&#xFC;hren zu besseren Ergebnissen. Generell gilt: Je klarer der Weg vom Neumitglied zur aktiven Organizer*in definiert ist, desto leichter ist es, diesen Weg gleichberechtigt zu beschreiten. Je mehr wir neuen Mitgliedern helfen Hindernisse zu &#xFC;berwinden, desto mehr Hindernisse werden &#xFC;berwunden. Einschlie&#xDF;lich Sexismus.</p><p>Wenn ich einen Ratschlag f&#xFC;r Menschen h&#xE4;tte, die sich f&#xFC;r den Kampf gegen Sexismus interessieren, dann w&#xE4;re es: &#x201E;Unterst&#xFC;tzt Frauen und nicht-bin&#xE4;re Menschen dabei, die Gewerkschaftsarbeit zu machen, f&#xFC;r die sie sich angemeldet haben. Bittet sie nicht, Sexismus zu bek&#xE4;mpfen.&#x201C;</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div><p>&#xA0;Dieser Artikel erschien zuerst <a href="https://industrialworker.org/losing-the-beer-belly/" rel="noreferrer">Industrial Worker</a>.</p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Sei kein Arschloch, wenn es um schlechte Ideen geht]]></title><description><![CDATA[John O'Reilly beschreibt die Schwierigkeit sich als Organizer*innen gegenseitig zu kritisieren und zu unterstützen.]]></description><link>https://spuren.cc/sei-kein-arschloch-wenn-es-um-schlechte-ideen-geht/</link><guid isPermaLink="false">665e23c3bde4a002f7460929</guid><category><![CDATA[Strategie]]></category><dc:creator><![CDATA[John O'Reilly]]></dc:creator><pubDate>Tue, 04 Jun 2024 07:00:02 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1527132358631-e0d3966075d3?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDF8fGJlJTIwbmljZXxlbnwwfHx8fDE3MTc0NDU3NTB8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<img src="https://images.unsplash.com/photo-1527132358631-e0d3966075d3?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDF8fGJlJTIwbmljZXxlbnwwfHx8fDE3MTc0NDU3NTB8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Sei kein Arschloch, wenn es um schlechte Ideen geht"><p>Es w&#xE4;re sch&#xF6;n, wenn wir in einer Welt leben w&#xFC;rden, in der alle Ideen zum <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizing</a> richtig w&#xE4;ren, aber es ist eine Tatsache, dass Menschen mit wirklich guten Absichten manchmal ihre Zeit verschwenden. Oder - schlimmer noch - der Organisation, die sie aufzubauen versuchen, schaden. Wir alle haben irgendwann einmal zur&#xFC;ckgeschaut und gesagt: &#x201E;Ich kann nicht glauben, dass ich so viel Zeit in dieses Projekt gesteckt habe. Obwohl man im Nachhinein immer kl&#xFC;ger ist, sagen wir bei gescheiterten Projekten oft: &quot;Wow, Kollege X ist wirklich klug und erfahren und h&#xE4;tte mir sagen m&#xFC;ssen, dass das Projekt scheitern w&#xFC;rde.&quot; Leider gibt es zwei h&#xE4;ufige und schlechte Arten, wie erfahrene <a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer">Wobblies</a> so auf so eine Situation reagieren: Erstens ein Idiot sein und zweitens z&#xF6;gern. Dies sind zwei Fehler im Umgang mit diesen Problemen, die wir oft aus Versehen machen.</p><blockquote>Leider gibt es zwei h&#xE4;ufige und schlechte Arten, wie erfahrene <a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer">Wobblies</a> auf so eine Situation reagieren: Erstens ein Idiot sein und zweitens z&#xF6;gern.</blockquote><p>Oft wollen erfahrene <a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer">Wobbly</a>-Organizer*innen neue, unerfahrene, aber begeisterte Mitglieder nicht bedr&#xE4;ngen, indem sie ihnen vorschreiben, wie sie ihre Zeit verbringen sollen. Infolgedessen sehen die <a href="https://spuren.cc/glossar/#wobblies" rel="noreferrer">Wobblies</a> oft tatenlos zu, wie andere Leute in eine Richtung gehen, die keinen Sinn ergibt und von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Das Z&#xF6;gern, sich einzubringen, f&#xFC;hrt dazu, dass einzelne oder Gruppen stundenlang an einem Projekt arbeiten m&#xFC;ssen, obwohl es andere M&#xF6;glichkeiten gegeben h&#xE4;tte, die viel n&#xFC;tzlicher w&#xE4;ren. Dieses Z&#xF6;gern ist f&#xFC;r viele von uns eine nat&#xFC;rliche Reaktion, weil wir lieber zulassen, dass jemand in eine Richtung geht, die ineffektiv und manchmal sogar &#xE4;u&#xDF;erst negativ ist. Als die h&#xE4;rtere Arbeit zu leisten, eine* Kolleg*in durch die heikle, aber wichtige Situation zu begleiten, die eigenen schlechten Ideen zu erkennen. Dieses Z&#xF6;gern zu &#xFC;berwinden, ist eine wichtige Aufgabe, die wir Organizer*innen uns antrainieren m&#xFC;ssen.</p><p>Trotzdem ertappen wir uns manchmal dabei, dass wir dem gegenteiligen Impuls nachgeben: <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizer*innen</a> k&#xF6;nnen schlechte Ideen kritisieren, indem sie sich wie ein Idiot verhalten. Manchmal hat jemand bereits eine schlechte Idee und f&#xE4;ngt an, sie in der Gewerkschaft zu verbreiten. Als erfahrene Organizer*innen k&#xF6;nnen wir ein paar Schritte in die Zukunft sehen und uns vorstellen, wie die schlechte Idee zur Katastrophe f&#xFC;hren wird. Dieses Wissen kann die Versuchung erh&#xF6;hen, sich wie ein Idiot zu verhalten. Aber sich wie ein Idiot zu verhalten, ist ebenso offensichtlich eine fehlgeschlagene Strategie, um mit schlechten Ideen umzugehen. Es k&#xF6;nnte das Engagement eines Mitglieds f&#xFC;r das Projekt verst&#xE4;rken (&#x201E;<a href="https://spuren.cc/glossar/#fellow-worker-%E2%80%93-fw" rel="noreferrer">Fellow Worker</a> X hat gesagt, dass dies eine beschissene Idee ist und wir dumm sind. Schei&#xDF; auf sie, machen wir&#x2019;s!&#x201C;) oder das Mitglied entmachten und entmutigen (&#x201E;<a href="https://spuren.cc/glossar/#fellow-worker-%E2%80%93-fw" rel="noreferrer">Fellow Worker</a> X hat gesagt, das ist eine beschissene Idee; ich bin wohl ein*e beschissene Gewerkschafter*in.&#x201C;). Es mag zwar einfach sein, sich wie ein Idiot zu verhalten und die Ideen anderer einfach abzutun. Aber wir k&#xF6;nnen auch leicht erkennen, dass diese Reaktion negativ ist und nichts zum Aufbau der Gewerkschaft beitr&#xE4;gt. Stattdessen m&#xFC;ssen wir uns alternative Wege vorstellen, wie wir mit schlechten Ideen umgehen.</p><p>In manchen F&#xE4;llen m&#xFC;ssen wir die Leute einfach etwas ausprobieren und sie scheitern lassen, damit sie lernen, dass es keine gute Idee ist. Wir k&#xF6;nnen eine kritische, aber unterst&#xFC;tzende Haltung einnehmen. Wenn das Mitglied m&#xF6;chte, dass die IWW eine Debatte &#xFC;ber die Ideen von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_De_Leon" rel="noreferrer">Daniel DeLeon</a> veranstaltet, um mehr Arbeiter*innen zu gewinnen, k&#xF6;nnten wir anbieten, bei der Erstellung von Flyern zu helfen. Das vergeudet zwar etwas von unserer Zeit, aber langfristig k&#xF6;nnte es ein Gewinn sein, weil wir dadurch eine Beziehung zu dem betreffenden Mitglied aufbauen k&#xF6;nnen. Wenn dann niemand zu der Veranstaltung kommt, der sich nicht schon seit Jahren in der Ortsgruppe engagiert, k&#xF6;nnen wir mit diesem Mitglied ein Gespr&#xE4;ch &#xFC;ber andere Projekte f&#xFC;hren, die beim n&#xE4;chsten Mal vielleicht besser w&#xE4;ren. In anderen F&#xE4;llen m&#xFC;ssen wir Wege finden, um die Aufmerksamkeit der Kolleg*in auf bessere Projekte zu lenken. Vielleicht dr&#xE4;ngt eine Gruppe von Mitgliedern die Ortsgruppe dazu, auf der n&#xE4;chsten Sitzung im n&#xE4;chsten Monat eine Stunde lang dar&#xFC;ber zu diskutieren, wie der Klassenkampf durch Selbstgemacht Kleidung und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Containern" rel="noreferrer">Containern</a> vorangebracht werden kann (was cool sein kann, wenn die Leute darauf stehen, aber nicht unbedingt viel mit dem Klassenkampf zu tun hat). Wir k&#xF6;nnten dort intervenieren, indem wir die Mitglieder fragen, warum sie das auf der Sitzung diskutieren wollen, und vielleicht vorschlagen, dass wir eine separate Diskussion au&#xDF;erhalb der Sitzung f&#xFC;hren. Um stattdessen auf der Sitzung &#xFC;ber gute Ideen zu sprechen. Wenn Leute mit schlechten Ideen anfangen, sie voranzutreiben, ist es oft besser, auf sie zuzugehen, als sich zur&#xFC;ckzuziehen und aus der Ferne zu kritisieren.</p><blockquote>Wenn <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizer*innen</a> sich &#xFC;ber schlechte Ideen lustig machen, schrecken sie die Leute von dem wichtigen Aspekt der gemeinsamen Gestaltung unserer Gewerkschaft ab.</blockquote><p>Stellt euch ein anderes Szenario vor. Wenn <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizer*innen</a> sich &#xFC;ber schlechte Ideen lustig machen, schrecken sie die Leute von dem wichtigen Aspekt der gemeinsamen Gestaltung unserer Gewerkschaft ab. Wenn man einem aufgeregten Mitglied geradeheraus sagt, dass seine Idee, vor den Werkstoren eines Betriebs mit 500 Besch&#xE4;ftigten Flugbl&#xE4;tter f&#xFC;r die Gewerkschaft zu verteilen und dabei eine rot-schwarze Fahne zu schwenken, eine beschissene Idee ist, tut man nichts anderes, als die Leute von der IWW abzubringen. Es macht es den Mitgliedern leichter, gute Ratschl&#xE4;ge aufgrund der Art und Weise, wie diese Ratschl&#xE4;ge vorgebracht werden, zu ignorieren. Das f&#xFC;hrt wiederum dazu, dass sie in Zukunft mehr schlechte Ideen umsetzen und weniger gute Ratschl&#xE4;ge annehmen werden. Schlechte Ideen werden nie einfach aus der Organisation verschwinden. Wir probieren st&#xE4;ndig neue Dinge aus und versuchen, eine Kultur von Organizer*innen aufzubauen, die fr&#xFC;here schlechte Ideen erkennen k&#xF6;nnen, wenn sie diese sehen. Sich dar&#xFC;ber wie ein Idiot aufzuf&#xFC;hren, schadet der Organisation oft mehr, als die fraglichen schlechten Ideen umzusetzen.</p><p>Unser Umgang mit schlechten Ideen muss sich aus unserer Rolle als Organizer*innen ergeben. Als Organizer*innen sind wir es gewohnt, Schl&#xFC;sselpersonen in Kampagnen zu identifizieren und zu versuchen, die Kolleg*innen, die zu ihnen aufschauen, zu gewinnen. Innerhalb der Gewerkschaft m&#xFC;ssen wir die gleichen F&#xE4;higkeiten anwenden. Herauszufinden, wen ein Mitglied respektiert und diese Beziehung zu nutzen, um gute Ideen einzubringen, st&#xE4;rkt die Beziehungen zwischen den Mitgliedern, anstatt Menschen mit schlechten Ideen niederzumachen. Es kann die Zeit, die das Mitglied f&#xFC;r eine schlechte Idee aufwenden wollte, auf eine gute Idee umlenken. Es handelt sich um einen Aufruf an die Organizer*innen, sich bewusst zu machen, dass sie nichts Gutes bewirken, wenn sie Kritik auf eine Weise &#xE4;u&#xDF;ern, die andere nicht ernst nimmt.Es reicht nicht aus, Recht zu haben. Man muss auch auf die richtige Art und Weise Recht haben.</p><p><em>(vielen Dank f&#xFC;r die Ideen und Vorschl&#xE4;ge von A. Vargas, Nate Hawthorne und der Wob Writing Group)&#xA0;</em></p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Was die Solidaritätsgewerkschaft ist - und was nicht]]></title><description><![CDATA[Don White und MK Lees diskutieren über das Konzept der Solidaritätsgewerkschaft und deren Vereinbarkeit mit Verträgen.
Zu den Fachbegriffen siehe das Glossar unten. ]]></description><link>https://spuren.cc/was-solidaritatsgewerkschaft-ist-und-was-nicht/</link><guid isPermaLink="false">66420827bde4a002f74608af</guid><category><![CDATA[Strategie]]></category><dc:creator><![CDATA[Don White]]></dc:creator><pubDate>Tue, 21 May 2024 07:00:31 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1549116259-d4967e8f8863?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDQ0fHxzb2xpZGFyaXR5JTIwdW5pb258ZW58MHx8fHwxNzE1NjA0NjQ0fDA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<img src="https://images.unsplash.com/photo-1549116259-d4967e8f8863?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDQ0fHxzb2xpZGFyaXR5JTIwdW5pb258ZW58MHx8fHwxNzE1NjA0NjQ0fDA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Was die Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft ist - und was nicht"><p>Die Definition von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft" rel="noreferrer">Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft</a> ist ziemlich verwirrend. Wenn ich mit Leuten spreche, auch mit langj&#xE4;hrigen IWW-Mitgliedern, scheint es die Annahme zu geben, dass Solidarit&#xE4;tsgewerkschaftsbewegung und <a href="https://spuren.cc/glossar/#direkte-aktion" rel="noreferrer">direkte Aktion</a> dasselbe sind. Das sind sie aber nicht. Ich m&#xF6;chte den Unterschied klarstellen, weil ich glaube, dass diese Verwirrung die tats&#xE4;chliche Organisierung behindert, und ich hoffe, dass ich den Menschen helfen kann, ihren Kolleg*innen das Konzept der Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft zu vermitteln.</p><blockquote>Dies w&#xE4;re meine Definition von Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft: Arbeiter*innen organisieren ein demokratisches Betriebskomitee, um Strategien und Taktiken zu entwickeln, um damit wiederum ihre materiellen Vorteile zu f&#xF6;rdern, sich [&#x2026;] zu verteidigen und eine Betriebskultur zu schaffen, in der die Menschen f&#xFC;reinander sorgen [&#x2026;].</blockquote><p>Vor kurzem hatte ich ein Gespr&#xE4;ch mit einem wichtigen <a href="https://spuren.cc/glossar/#organizerin" rel="noreferrer">Organizer</a> bei <em>Thomas Train</em>. <em>Thomas Train Solutions</em> ist eine Organisierungskampagne, bei der die IWW 2013 die Zertifizierung als Tarifpartei erlangt haben, aber noch keinen Vertrag aushandeln konnten. Der Gewerkschaftsorganizer war frustriert, dass so viele Leute in den IWW &#x201E;Solidarit&#xE4;tsgewerkschaftspuristen&#x201C; waren. Damit meinte er, dass er nicht der Meinung war, dass sich der Betrieb ausschlie&#xDF;lich auf direkte Aktionen verlassen sollte; er wollte einen Vertrag unterzeichnen. Als wir weiter dar&#xFC;ber diskutierten, wurde mir klar, dass er Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft, ein Organisationsmodell und direkte Aktion, eine Taktik, verwechselte.</p><p>Die Besch&#xE4;ftigten von <em>Thomas Train </em>hatten erfolgreich gestreikt, und der Organizer verwies immer wieder darauf als ein Beispiel f&#xFC;r die Anwendung von Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften. Aber ein Streik ist eine Taktik und er kann von bezahlten Mitarbeitern aber auch einem charismatischen Leader organisiert werden. Er kann aber auch von Arbeiter*innen untereinander organisiert werden. Wenn eine etablierte Gewerkschaftsf&#xFC;hrung ihre Mitglieder zum Streik aufruft, weil die Vertragsverhandlungen ins Stocken geraten sind oder weil man die Gesch&#xE4;ftsleitung als eine gro&#xDF;e Ungerechtigkeit empfindet, dann ist es bezahltes Personal, das den Streik organisiert. Bei Thomas Train wurde der Streik mehr oder weniger von diesem angef&#xFC;hrt. Es wurde zwar also gestreikt, aber nicht im Rahmen einer Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft organisiert. Eine Solidarit&#xE4;tsgewerkschaftsorganisation w&#xFC;rde bedeuten, dass der Streik von Arbeiter*in zu Arbeiter*in organisiert w&#xFC;rde. Direkte Aktionen und solidarische Gewerkschaftsarbeit sind nicht dasselbe.</p><p>Dies w&#xE4;re meine Definition von Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft: Arbeiter*innen organisieren ein demokratisches Betriebskomitee, um Strategien und Taktiken zu entwickeln, um damit wiederum ihre materiellen Vorteile zu f&#xF6;rdern, sich gegen Disziplinierung durch das Management zu verteidigen und eine Betriebskultur zu schaffen, in der die Menschen f&#xFC;reinander sorgen und sich nicht von der Logik des Kapitals und der Konkurrenz leiten lassen. Dies gilt zun&#xE4;chst f&#xFC;r Arbeitnehmende, die am selben Arbeitsplatz arbeiten.</p><p>Sie kann aber auch Menschen umfassen, die f&#xFC;r dasselbe Unternehmen, aber an verschiedenen Standorten arbeiten; Menschen, die in verschiedenen Unternehmen, aber in derselben Branche arbeiten; und Menschen, die in verschiedenen Branchen, aber entlang derselben Lieferkette arbeiten. Eine wichtige Voraussetzung f&#xFC;r die Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft ist, dass ein Komitee organisiert ist, und dass der Erfolg oder das Scheitern des Plans in erster Linie von den F&#xE4;higkeiten dieses Komitees abh&#xE4;ngt und nicht von den bezahlten Mitarbeitern einer Gewerkschaft oder einer einzelnen charismatischen Anf&#xFC;hrer*in. Einfacher ausgedr&#xFC;ckt: Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft ist eine aus der Belegschaft/dem Komitee heraus gesteuerte Gewerkschaftsbewegung.</p><p>Eine weitere Verwirrung besteht darin, dass Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften nicht unbedingt gegen Vertr&#xE4;ge sind. Diese Vorstellung hat sich bei den IWW durchgesetzt, seit wir 2002 mit den Artikeln von Alexis Buss im Minority Report erstmals dar&#xFC;ber nachgedacht haben, was Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften sind und wie sie aussehen. Damals haben wir Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft noch als Minderheitengewerkschaft bezeichneten. Im Allgemeinen dr&#xE4;ngt die mitarbeiter*innengef&#xFC;hrte Gewerkschaftsbewegung auf eine NLRB-Zertifizierungswahl und einen Vertrag, der haupts&#xE4;chlich von Angestellten der Gewerkschaft ausgehandelt und durchgesetzt wird. Theoretisch kann ein Betriebsausschuss aber auch einen Vertrag aushandeln, mit oder ohne NLRB-Zertifizierungswahl und ohne, dass dies von Funktion&#xE4;r*innen gesteuert wird. Der Unterschied besteht darin, dass bei einer vom Gewerkschaftspersonal gesteuerten Gewerkschaft dieses Personal die Verhandlungen f&#xFC;hrt und f&#xFC;r die Durchsetzung des Vertrags verantwortlich ist. Bei der Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft w&#xFC;rde das (Betriebs-)Komitee und damit direkt die in den jeweiligen Betrieben angestellten Arbeiter*innen diese Verantwortung &#xFC;bernehmen.</p><blockquote>Direkte Aktionen sind eine Taktik, Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften sind ein Organisationsmodell.</blockquote><p>Die Erfolge und Misserfolge der Thomas-Train-Kampagne hingen von diesem Hauptorganizer ab. Einige IWW-Mitglieder kritisierten nicht, dass sie eine <a href="https://spuren.cc/glossar/#nlrb-%E2%80%93-national-labor-relations-board" rel="noreferrer">NLRB-Zertifizierung</a> (1) vorweisen konnten und dann einen Vertrag aushandelten. Sie kritisierten, dass die positive Entwicklung der Gewerkschaftskampagne ins Stocken geraten war, weil dieser Organizer nicht mehr bei Thomas Train arbeitete, obwohl die IWW als Verhandlungsf&#xFC;hrer zertifiziert war, weil es kein Betriebskomitee gab. Die Erfolge/Misserfolge hingen nun also von externen Funktion&#xE4;r*innen und Organizer*innen und Freiwilligen (Mitarbeitern) ab, die die Gewerkschaftskampagne vorantrieben. Es gab keinen erm&#xE4;chtigten Betriebsausschuss, kein Komitee, das die Vertragsverhandlungen vorantreiben konnte.</p><p>Zusammenfassend l&#xE4;sst sich erstens sagen, dass die Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft nicht gegen Vertr&#xE4;ge ist. Sie m&#xFC;ssen nur von einem betrieblichen Ausschuss ausgehandelt und durchgesetzt werden. Zweitens: Direkte Aktionen und solidarische Gewerkschaftsarbeit sind nicht dasselbe. Ich m&#xF6;chte niemanden davon abhalten, direkte Aktionen durchzuf&#xFC;hren und &#xFC;ber die M&#xF6;glichkeit zu diskutieren, sie in seinem Betrieb anzuwenden &#x2013; im Gegenteil. Ich m&#xF6;chte nur versuchen zu erkl&#xE4;ren, was Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft ist und was sie nicht ist. Direkte Aktionen sind eine Taktik, Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften sind ein Organisationsmodell.</p><h2 id="replik-von-mk-lees">Replik von MK Lees</h2><p>Ich stimme mit vielem &#xFC;berein, was Fellow Worker Don White in seinem Beitrag f&#xFC;r Organizing Work zu sagen hat, in dem er Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften als mehr als nur direkte Aktionen, sondern als Selbstorganisation der Arbeiter*innen, ohne Abh&#xE4;ngigkeit von Funktion&#xE4;r*innen und bezahltem Personal , darstellt. Ich denke jedoch, dass etwas zu Whites kopfsch&#xFC;ttelnder Bemerkung gesagt werden muss, dass &quot;Solidarit&#xE4;tsgewerkschaften nicht unbedingt gegen Vertr&#xE4;ge seien.</p><blockquote>Wir leben in einer Zeit, in der die Streikverbotsklausel (Fussnote) fester Bestandteil der Vertragsverhandlungen mit den Arbeitgebenden ist [&#x2026;]. Diese Klauseln sind die conditio sine qua non des Vertrags.</blockquote><p>Selbst ein fl&#xFC;chtiger Blick auf die bisherige Literatur zur Entwicklung des Konzepts der Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft zeigt, dass die gesamte strategische Idee als alternatives Modell zur vertragsorientierten Organisierung entstanden ist. Wir leben in einer Zeit, in der die Streikverbotsklausel (2) fester Bestandteil der Vertragsverhandlungen mit den Arbeitgebenden ist; dasselbe gilt f&#xFC;r die Klauseln &#xFC;ber die Rechte der Unternehmensleitung (3) und die verbindliche Schlichtung (4) als letzte Stufe des Beschwerdeverfahrens. Diese Klauseln sind die conditio sine qua non (notwendige Bedingung) des Vertrags. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, die die Regel best&#xE4;tigen, sind sie das Wasser, in dem wir seit mindestens den 1950er Jahren schwimmen.</p><p>Vielleicht kann ich mit FW White insofern eine gemeinsame Basis finden, als ich glaube, dass es m&#xF6;glich ist, sich einen Vertrag vorzustellen, der die Macht der Arbeitnehmenden am Arbeitsplatz nicht einschr&#xE4;nkt: einen Vertrag, der nur unsere Siege festschreibt, ohne die Instrumente aufzugeben, die uns diese Siege &#xFC;berhaupt erst erm&#xF6;glicht haben. Ich k&#xF6;nnte mir auch einen politischen Kandidaten vorstellen, der der Arbeiter*innenklasse gegen&#xFC;ber so rechenschaftspflichtig ist, dass er nicht korrumpiert wird und dessen Handlungen nur dazu dienen, die Macht der unserer Klasse zu st&#xE4;rken und niemals seine eigene Macht. Aber das widerspricht unserer gelebten Erfahrung. Genauso widerspricht ein Vertrag ohne das Recht der Chef*in auf ununterbrochene Produktion unserer gelebten Erfahrung dem, wie der Vertrag auf dem aktuellen Terrain des Klassenkampfes funktioniert.</p><blockquote>Aber eine Vision ohne Strategie sind nur Koordinaten ohne Karte.</blockquote><blockquote>Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft bedeutet keine Vertr&#xE4;ge, de facto, wenn vielleicht auch nicht de jure: in der Realit&#xE4;t, wenn nicht in der Theorie.</blockquote><p>Eine k&#xFC;hne Vision zu haben ist gut. Schlie&#xDF;lich k&#xF6;nnen wir uns eine Welt ohne Chef*innen vorstellen, warum also nicht einen Vertrag ohne die Rechte des Managements, ohne &quot;jetzt arbeiten, sp&#xE4;ter trauern&quot;, ohne die Erhebung von Vertrauensleuten und Unternehmensvertretern (genau das Problem, von dem uns der Artikel von FW White zu Recht ablenkt)? Aber eine Vision ohne Strategie sind nur Koordinaten ohne Karte. Bis wir also diese Strategie entwickeln und irgendwo gewinnen, m&#xFC;ssen wir aufpassen, dass unsere Visionen nicht in magisches Denken umschlagen &#x2013; sonst finden wir uns auf dem Weg zu denselben m&#xFC;den, alten Tarifverhandlungsvereinbarungen der Unternehmensgewerkschaften wieder.</p><p>Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft bedeutet keine Vertr&#xE4;ge, de facto, wenn vielleicht auch nicht de jure: in der Realit&#xE4;t, wenn nicht in der Theorie. Das hei&#xDF;t nicht, dass die IWW nicht mit vertraglichen Strategien experimentieren k&#xF6;nnen, aber wir w&#xE4;ren ehrlicher, wenn wir diese Arbeit als au&#xDF;erhalb des Konzepts der Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft definieren w&#xFC;rden. Wenn wir direkte Aktionen durchf&#xFC;hren und es uns gelingt, eine langfristige betriebliche Pr&#xE4;senz aufzubauen, wird der &quot;Vertrag&quot; von der Chef*in auf Knien zu uns herangetragen, nicht weil wir es einfach geschafft haben, sie dazu zu bringen, sich uns gegen&#xFC;ber an den Tisch zu setzen.</p><h2 id="glossar">Glossar</h2><p>(1) NLRB steht f&#xFC;r <em>National Labor Relations Board </em>und ist die<em> </em>us-amerikanische Beh&#xF6;rde f&#xFC;r Arbeitsbeziehungen. Ein Gewerkschaft muss, um vor dem Gesetz anerkannt zu werden, genug sog. Autorisierungskarten unter den Kolleg*innen im Betrieb vorweisen k&#xF6;nnen und kann dann eine Wahl beantragen. Diese wird unter Aufsicht der NLRB durchgef&#xFC;hrt und bei einem positiven Ergebnis vertritt die zur Wahl angetretene Gewerkschaft automatisch die komplette Belegschaft, deren Mitgliedsbeitr&#xE4;ge automatisch vom Gehalt abgezogen werden.</p><p>(2) Eine Streikverbotsklausel verhindert, dass die Arbeitnehmenden w&#xE4;hrend der Vertragslaufzeit Ma&#xDF;nahmen ergreifen, die den Arbeitsablauf oder die Gewinne st&#xF6;ren.</p><p>(3) Managementrechteklauseln geben dem Unternehmen das alleinige Recht, die Produktion zu organisieren und den Arbeitsplatz zu leiten.</p><p>(4) Ein bindendes Schiedsverfahren als letzter Schritt in einem Beschwerdeverfahren bedeutet, dass eine externe Schlichtungsperson entscheidet, an welches Ergebnis sich sowohl die Chef*in als auch die Gewerkschaft rechtlich halten m&#xFC;ssen. Die Entscheidung kann nicht angefochten werden.</p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[...bis in den Schlaf verfolgt]]></title><description><![CDATA[Mark Richter beschreibt das Verfolgen der Arbeit bis in den Schlaf und der Hilfe durch Kolleg*innen.]]></description><link>https://spuren.cc/bis-in-den-schlaf-verfolgt/</link><guid isPermaLink="false">6435592594d72e8e6d548fef</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><dc:creator><![CDATA[Mark Richter]]></dc:creator><pubDate>Tue, 07 May 2024 07:00:05 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1521075486433-bf4052bb37bc?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDUxfHxUaXJlZHxlbnwwfHx8fDE2OTI5OTMzODN8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/05/bisindenSchlafverfolgt_thumb.jpeg" alt="...bis in den Schlaf verfolgt" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z"/></svg></div><div class="kg-audio-player-container"><audio src="https://spuren.cc/content/media/2024/05/bisindenSchlafverfolgt.mp3" preload="metadata"></audio><div class="kg-audio-title">Den Beitrag anh&#xF6;ren | Gelesen von Jona Larkin White | Quelle: direkteaktion.org/podcast</div><div class="kg-audio-player"><button class="kg-audio-play-icon" aria-label="Play audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z"/></svg></button><button class="kg-audio-pause-icon kg-audio-hide" aria-label="Pause audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><rect x="3" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/><rect x="14" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/></svg></button><span class="kg-audio-current-time">0:00</span><div class="kg-audio-time">/<span class="kg-audio-duration">324.25795918367345</span></div><input type="range" class="kg-audio-seek-slider" max="100" value="0"><button class="kg-audio-playback-rate" aria-label="Adjust playback speed">1&#xD7;</button><button class="kg-audio-unmute-icon" aria-label="Unmute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z"/></svg></button><button class="kg-audio-mute-icon kg-audio-hide" aria-label="Mute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z"/></svg></button><input type="range" class="kg-audio-volume-slider" max="100" value="100"></div></div></div><img src="https://images.unsplash.com/photo-1521075486433-bf4052bb37bc?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDUxfHxUaXJlZHxlbnwwfHx8fDE2OTI5OTMzODN8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="...bis in den Schlaf verfolgt"><p>Eines Nachts fing ich an, schlecht zu schlafen. Es waren nicht unbedingt Alptr&#xE4;ume, aber ich schlief unruhig, wachte auf und war am n&#xE4;chsten Morgen m&#xFC;de. Allerdings konnte ich mir nicht genau erkl&#xE4;ren, wie es dazu kam. Ich arbeite als Sozialarbeiter mit Familien. In etwa 80 Prozent der F&#xE4;lle, in denen ich in die Familie gehe, weil die Kinder nicht zur Schule gehen, weil es zu h&#xE4;uslicher Gewalt kam oder weil die Familie sich selbst beim Jugendamt meldete, komme ich mit den Dingen, die ich erlebe, gut klar.</p><blockquote>&quot;Eines Nachts fing ich an, schlecht zu schlafen.&quot;</blockquote><p>Ich verarbeite die Erlebnisse nicht alleine, sondern in der Supervision, im Team, mit unserer Fachberatung, manchmal sogar mit unserem Chef. Jeder Tag ist irgendwie etwas unerwartet und es ist sch&#xF6;n, auch einen Job zu haben, in dem ich manchmal wirklich erlebe, dass sich das Leben meiner Klient*innen zum Besseren wendet. Auch wenn mir klar ist, dass meine M&#xF6;glichkeiten begrenzt sind und zu meinem Job nicht nur Unterst&#xFC;tzung, sondern immer auch Kontrolle geh&#xF6;rt. Vielmehr l&#xE4;sst sich sagen, nur, weil es den sozialdemokratischen Sozialstaat gibt, gibt es auch Leute wie mich, die als Teil des Repressionsapparates immer soweit daf&#xFC;r sorgen, dass Menschen nicht sterben, sich aber gesellschaftlich nicht viel zum Guten wendet. Gleichzeitig gibt es auch manchmal Klient*innen, sowie deren Kinder, denen die gemeinsame Zeit hilft.</p><p>Es gibt sie aber auch: Die F&#xE4;lle, die mir sehr nahe gehen. Die mir psychisch und physisch viel abverlangen, weil eine Familie in ihrem System sehr eingefahren ist oder wo der &#xE4;u&#xDF;ere Druck von Schulen, Beh&#xF6;rden und &#xC4;rzten sehr hoch ist. Weil ich und meine Kolleg*innen sehr nahe dran sind, m&#xFC;ssen wir sehr auf unsere psychische Gesundheit und Abgrenzung achten. Schwer genug, denn wir alle in dem Job wollen gerne helfen. Meistens ist mir bewusst, in welch engen Grenzen dies stattfindet.</p><blockquote>&quot;Schwer genug, denn wir alle in dem Job wollen gerne helfen. Meistens ist mir bewusst, in welch engen Grenzen dies stattfindet.&quot;</blockquote><p>In einem Fall arbeitete ich mehrere Jahre an der Seite einer Familie. Eine viel zu enge Wohnung f&#xFC;r die Anzahl an Kindern, viel zu wenig Geld und m&#xF6;glicherweise auch eine &#xDC;berforderung aufgrund der ganzen T&#xE4;tigkeiten, die in einer gro&#xDF;en Familie n&#xF6;tig sind, sowie Rassismus in Beh&#xF6;rden. Es war eine Situation, in der ich mich verpflichtet f&#xFC;hlte, an der Seite der Familie zu bleiben, obwohl ich bereits zu verstrickt in die Familiendynamik war. Mir wurde dies bewusst. Ich redete mit meinem Vorgesetzten dar&#xFC;ber &#x2013; aber ich wurde entweder nicht geh&#xF6;rt oder ich war mir selbst nicht dar&#xFC;ber bewusst, dass ich ohne Hilfe nicht mehr aus der Situation kommen w&#xFC;rde. Eines Tages rief ich meinen Chef an, mit dem Hinweis, dass ich aus dem Fall raus muss. Ich konnte nicht mehr. Es geht so nicht weiter. Die Reaktion von meinem Chef: Sehr zur&#xFC;ckhaltend. Ich verlor schon langsam die Hoffnung, schnell aus dem Fall zu kommen.</p><p>Ich erz&#xE4;hlte meinem Team von der Begegnung mit meinem Chef. Sie wussten um mein Leid, meinen &#xC4;rger, meine &#xDC;berforderung. Schon seit Monaten. Sie sahen, dass es mir nicht gut ging. Als mich eine Kollegin fragte, wie mir mein Team helfen k&#xF6;nnte, musste ich l&#xE4;nger &#xFC;berlegen. Dann fiel es mir ein: Bei unserem Chef anrufen und sagen, dass sie sich gro&#xDF;e Sorgen um mich macht und ich im schlimmsten Falle in den Krankenstand gehen w&#xFC;rde. Au&#xDF;erdem bot sie und eine weitere Kollegin an, den Fall von mir zu &#xFC;bernehmen. Gesagt, getan.</p><p>Am selben Tag rief mich meine Kollegin an und best&#xE4;tigte mir, dass ich am Ende der Woche aus dem Fall raus war. Unser Chef w&#xFC;rde den Rest mit dem Jugendamt kl&#xE4;ren. Ich musste noch eine &#xDC;bergabe mit ihr machen, und dann war es vorbei. Selten war ich so ber&#xFC;hrt von einer solidarischen Aktion wie dieser. Meine Kolleginnen halfen mir, wo ich es alleine nicht konnte.</p><p>Die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, bilden sich manchmal auch in unseren Tr&#xE4;umen ab. Sie beeinflussen unsere Hoffnungen, unsere Zukunftsvisionen, unsere Trauer und Wut. Als Kolleg*innen sehen und h&#xF6;ren wir uns fast t&#xE4;glich. Wir verbringen manchmal mehr Zeit am Tag miteinander als mit unseren Partner*innen und Kindern. Wir lernen uns zwangsweise sehr gut kennen. Doch zusammengew&#xFC;rfelt werden wir von Anderen. Den Chef*innen, die uns miteinander ins Verh&#xE4;ltnis setzen. Die uns nach ihrem Willen auch wieder trennen k&#xF6;nnen. Wir lernen unsere Grenzen, unsere Launen, unsere roten Kn&#xF6;pfe kennen.</p><p>Solidarische Beziehungen und das gegenseitige Sorgen umeinander w&#xE4;chst unter diesen Umst&#xE4;nden allerdings nicht ohne Zutun. Sie m&#xFC;ssen aktiv und willentlich gef&#xF6;rdert werden. Wenn das gelingt, &#xFC;berrumpelt eine*n das Gl&#xFC;ck am Ende. Von Solidarit&#xE4;t zu reden und sie selbst zu erfahren, ist der Unterschied ums Ganze. Sie sind ein Vorzeichen f&#xFC;r eine Welt, in der wir nicht mehr in Konkurrenz zueinander gesetzt sind. Ich w&#xFC;nschte mir, dies gesch&#xE4;he t&#xE4;glich.</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/buch/"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Bevor du diese Wahl organisierst...]]></title><description><![CDATA[Eine Checkliste mit Dingen, die ein Betriebskomitee haben sollte, bevor es eine Wahl zum Betriebsrat/Personalkommission organisiert.]]></description><link>https://spuren.cc/bevor-du-die-wahl-organisierst/</link><guid isPermaLink="false">647470e0b6ef6108f8e93c30</guid><category><![CDATA[Strategie]]></category><category><![CDATA[Ressourcen]]></category><dc:creator><![CDATA[Marianne Garneau]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:51 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1591522811280-a8759970b03f?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDd8fFRoaW5rfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5Mzc3OXww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<img src="https://images.unsplash.com/photo-1591522811280-a8759970b03f?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDd8fFRoaW5rfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5Mzc3OXww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Bevor du diese Wahl organisierst..."><p>Eine Checkliste mit Dingen, die ein Betriebskomitee haben sollte, bevor es eine Wahl zum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Betriebsrat">Betriebsrat/Personalkommission</a> organisiert. <em>Basierend auf einem Artikel von </em><a href="https://organizing.work/2018/08/before-you-file-for-that-election/"><em>Marianne Garneau</em></a><em>. Erg&#xE4;nzt und &#xFC;berarbeitet von Montel Nickleberry &amp; Mark Richter</em></p><p>Die IWW haben eine gute Erfolgsbilanz, wenn es darum geht, Betriebsratswahlen zu gewinnen. Aber was braucht es, um von einer erfolgreichen Wahl zu ersten Verhandlungsergebnissen/Dienstvereinbarungen zu kommen?</p><p>Die gro&#xDF;en Gewerkschaften haben bezahlte Mitarbeiter*innen und Experten*innen wie z.b. Anw&#xE4;lte und verf&#xFC;gen &#xFC;ber gr&#xF6;&#xDF;ere finanzielle Ressourcen, um diesen Prozess zu steuern und zu verwalten. Eine Gewerkschaft, in der die Mitglieder die Kampagne selbst f&#xFC;hren, braucht diese Art von praktischem Wissen und Bereitschaft unter ihren Mitgliedern.</p><blockquote>Es ist verlockend, diese Liste abzuk&#xFC;rzen und zu denken: &#x201E;Unser Fall ist anders.&#x201C;</blockquote><p>Im Folgenden findet ihr eine Checkliste mit allen Punkten, die vor der Organisation einer Wahl vorhanden sein sollten, gefolgt von einigen &#xDC;berlegungen dazu, was diese Checkliste impliziert. Es ist verlockend, diese Liste abzuk&#xFC;rzen und zu denken: &#x201E;Unser Fall ist anders&#x201C; oder &#x201E;Das ist in Ordnung, weil unser Betrieb klein ist&#x201C; oder &#x201E;Einiges davon trifft auf uns nicht zu&#x201C; oder &#x201E;Die Situation ist zu dringlich, um das alles zu haben&#x201C;oder &#x201E;Unser Arbeitgeber ist zu fortschrittlich, um sich zu wehren&#x201C;. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Vertrag/Vereinbarungen auszuhandeln, umso geringer ist, je weniger Punkte auf dieser Liste abgearbeitet habt.</p><h3 id="rechtliches">Rechtliches</h3><ul>
<li>Ein grundlegendes Verst&#xE4;ndnis des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Betriebsverfassung">Betriebsverfassungsgesetzes</a> (Deutschland), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsverfassungsgesetz">Arbeitsverfassungsgesetz</a> (&#xD6;sterreich), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitnehmervertretung">Mitwirkungsgesetz</a> (Schweiz) und Wissen &#xFC;ber eines der Haupt-Handwerkszeuge: Die Betriebsvereinbarung (Deutschland, &#xD6;sterreich), das Reglement (Schweiz).</li>
<li><strong>F&#xFC;r Deutschland, &#xD6;sterreich &amp; die Schweiz gilt</strong>: Organisierung am Arbeitsplatz gr&#xFC;ndet auf der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koalitionsfreiheit">Koalitionsfreiheit</a>, damit k&#xF6;nnen sich Kolleg*innen aus freien St&#xFC;cken zusammenschlie&#xDF;en und ein Komitee oder die Initiativgruppe f&#xFC;r einen Betriebsrat gr&#xFC;nden. Daraus folgt, dass diese unabg&#xE4;ngig von Gewerkschaften organisiert werden k&#xF6;nnen.</li>
<li>Ein Verst&#xE4;ndnis dar&#xFC;ber, dass es im Gesetz eine Trennung zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat gibt. Ein Betriebsrat darf beispielsweise nicht zum Streik aufrufen, eine Gewerkschaft schon.</li>
<li>Ein &#xF6;rtlicher Anwalt f&#xFC;r Arbeitsrecht, der sich offiziell bereit erkl&#xE4;rt hat, euch zu unterst&#xFC;tzen, und ein Plan, wie ihr f&#xFC;r seine Dienste bezahlen wollt.</li>
<li>Ein grundlegendes Verst&#xE4;ndnis des Wahlverfahrens: was ihr ben&#xF6;tigt, um eine Wahl zu organisieren und durchzuf&#xFC;hren, wie der voraussichtliche Zeitplan aussieht, welches Wahlverfahren ihr nutzt usw.</li>
<li>Kenntnis &#xFC;ber die Kontaktadresse und Vorgehen beim Einreichen von Klagen beim &#xF6;rtlichen Arbeitsgericht, z. B. einer K&#xFC;ndigungsschutzklage</li>
<li>Kampagnenmitglieder, die sich ausdr&#xFC;cklich bereit erkl&#xE4;rt haben, ihre Namen f&#xFC;r einen Wahlvorstand/Betriebsrat zur Verf&#xFC;gung zu stellen / Aussagen zu machen</li>
<li>Arbeiter*innen, die in ihren grundlegenden Rechten geschult sind: Was der Chef von ihnen verlangen kann und was nicht, welche Art von Aktivit&#xE4;ten gesch&#xFC;tzt sind und was als illegale Vergeltung gilt</li>
<li>Vorbereitung auf die Beantragung des Arbeitslosengeldes im Falle einer K&#xFC;ndigung/ Einreichen einer K&#xFC;ndigungsschutzklage</li>
<li><strong>F&#xFC;r Deutschland</strong>: Im &#xD6;ffentlichen Dienst gibt es statt einem Betriebsrat einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Personalvertretung">Personalrat</a>, f&#xFC;r kirchliche Arbeitgeber gibt es eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitarbeitervertretung">Mitarbeiter*innenvertretung</a>. Diese unterscheiden sich in ihren rechtlichen Befugnissen.</li>
</ul>
<h3 id="organisierung">Organisierung</h3><ul><li> Ein Verst&#xE4;ndnis dar&#xFC;ber, dass ein Betriebsrat die Bedingungen f&#xFC;r Organisierung im Betrieb verbessern kann, aber immer auf eine &#x201A;au&#xDF;erparlamentarische&#x2018; Organisierung in Form des Betriebskomitees angewiesen ist, die mit eigenst&#xE4;ndigen Aktionen den Druck aufrechterh&#xE4;lt und Hauptakteur betrieblicher Organisierung ist.</li></ul><blockquote>Oft gehen diejenigen in den Betriebsrat, die sich am meisten zutrauen, rhetorisch am geschicktesten sind. Sie fehlen dann im Komitee.</blockquote><ul><li>Eine Entscheidung dar&#xFC;ber, wer in den Betriebsrat geht und damit weniger Arbeit im Betriebskomitee &#xFC;bernehmen kann. Beachte: Oft gehen diejenigen in den Betriebsrat, die sich am meisten zutrauen, rhetorisch am geschicktesten sind und dann aber auch per Gesetz dazu verpflichtet sind, den sogenannten Betriebsfrieden zu wahren und zwischen Kolleg*innen und Chef zu vermitteln. Sie fehlen dann im Komitee oder, was h&#xE4;ufig passiert, nehmen eine Doppelrolle ein. Damit vereinen sie jedoch viel Wissen und Macht in einer Handvoll Personen, was oft zu Lasten der Autonomie des Komitees geht.</li><li> Ein guter Anteil der Kolleg*innen, die im Besitz einer Roten Karte sind &#x2013; die gro&#xDF;en Gewerkschaften streben einen Anteil von mindestens 60 % an, wenn nicht mehr</li><li> Eine vollst&#xE4;ndige Kontaktliste f&#xFC;r den Betrieb: Namen, Telefonnummern, E-Mail, Privatadressen, Schicht, Position</li><li> Einzelgespr&#xE4;che mit allen Kolleg*innen des Betriebs, au&#xDF;er mit denen, die dem Chef nahe stehen</li><li>Eine soziale Karte des Arbeitsplatzes</li><li> Eine physische Karte des Arbeitsplatzes</li><li> Ein Organizing-Komitee am Arbeitsplatz, dem mindestens 20 % der Belegschaft angeh&#xF6;ren und das alle Schichten, Positionen, Arbeitsorte und sozialen Gruppen repr&#xE4;sentiert</li><li>Regelm&#xE4;&#xDF;ige Komitee-Sitzungen</li><li>Die nachgewiesene F&#xE4;higkeit, Aufgaben als Komitee zu bew&#xE4;ltigen</li><li>Eine Liste der von den Arbeiter*innen in Einzelgespr&#xE4;chen festgestellten Missst&#xE4;nde</li><li>Die nachgewiesene F&#xE4;higkeit, am Arbeitsplatz aktiv zu werden, idealerweise mit mindestens einer erfolgreichen direkten Aktion, bei der ein Missstand angegangen und gewonnen wurde</li></ul><ul>
<li>Die (wiederholte) Impfung aller Kolleg*innen im Betrieb, insbesondere gegen
<ul>
<li>Antikommunismus gegen die IWW</li>
<li>&#x201E;Wir k&#xF6;nnen den Arbeitsplatz w&#xE4;hrend der Verhandlungen nicht 				     		verbessern, und das wird Monate oder Jahre dauern.&#x201C;</li>
<li>&#x201E;Wir k&#xF6;nnen die individuellen Besch&#xE4;ftigungsbedingungen w&#xE4;hrend der 		Verhandlungen nicht verbessern.&#x201C;</li>
<li>Entlassungen</li>
<li>Willk&#xFC;rliche Disziplinierung</li>
</ul>
</li>
</ul>
<ul><li>Ein eskalierender Plan f&#xFC;r direkte Aktionen bei Entlassungen und anderen Formen von Vergeltungsma&#xDF;nahmen, mit der Zusage der Arbeiter*innen sich daran zu beteiligen</li><li>Mittel zur Bek&#xE4;mpfung von Vergeltungsma&#xDF;nahmen: Kopien fr&#xFC;herer Dienstpl&#xE4;ne, Aufzeichnungen &#xFC;ber fr&#xFC;here Disziplinarma&#xDF;nahmen oder deren Fehlen, Kleiderordnung usw.</li><li>Schulung der Arbeiter*innen im F&#xFC;hren eines Arbeitsplatztagebuchs und Vorbereitung der Arbeiter*innen auf die Protokollierung von Gespr&#xE4;chen mit der Gesch&#xE4;ftsleitung</li><li>Rollenspiele von verpflichtenden Mitarbeiter*innenversammlungen und Einzelgespr&#xE4;chen mit dem Chef</li><li>M&#xF6;glichst viele Kolleg*innen, die das Organizing Training 101 absolviert haben</li><li>Ein f&#xFC;r die Zeit nach der Wahl anberaumtes Treffen, unabh&#xE4;ngig vom Ausgang der Wahl</li><li>Eine gute Strategie f&#xFC;r die Einarbeitung von neuen Kolleg*innen im Falle der Fluktuation von Arbeiter*innen und eine Arbeitsgruppe, die auf diese Aufgabe vorbereitet ist</li><li> Ressourcen: etwas Geld auf der Bank und eine Geldquelle (idealerweise Mitgliedsbeitr&#xE4;ge)</li><li>Kontakte zu den IWW im weiteren Sinne, einschlie&#xDF;lich der &#xF6;rtlichen oder nahegelegenen Ortsgruppe, der Organizing-Abteilung, des Sekretariats</li></ul><h3 id="recherche">Recherche</h3><ul><li>Kenntnis des Eigent&#xFC;mers des Unternehmens, der Beziehung des Chefs zum Eigent&#xFC;mer und des &#x201E;Organigramms&#x201C; des Unternehmens</li><li>Ein gewisses Grundverst&#xE4;ndnis des Gesch&#xE4;ftsmodells und der Gewinn- oder Einkommensquellen</li><li> &#xD6;ffentliche Kontaktinformationen &#xFC;ber das Gesch&#xE4;ft</li><li>Pers&#xF6;nliche Kontaktinformationen der Chefs und Eigent&#xFC;mer</li><li>Kenntnis von und Kontaktinformationen zu wichtigen Auftraggebern, Kund*innen, Spender*innen und Lieferant*innen</li></ul><h3 id="materialien">Materialien</h3><ul><li>Transparente</li><li>Schilder zum Beschriften</li><li>Flugbl&#xE4;tter f&#xFC;r Kund*innen oder Gemeindemitglieder</li><li>Brosch&#xFC;ren f&#xFC;r neue Kolleg*inne</li><li> Gewerkschaftsanstecknadeln, Aufkleber oder andere Werbegeschenke</li><li>  Informationen &#xFC;ber die Anmeldung einer Demonstration/Kundgebung, falls erforderlich, und &#xFC;ber die Kosten daf&#xFC;r</li><li> M&#xF6;glicherweise andere Streikposten oder Protestmaterialien wie Klappst&#xFC;hle, Zelte, Kaffeemaschinen</li></ul><h3 id="unterst%C3%BCtzung-durch-die-mediengemeinschaft">Unterst&#xFC;tzung durch die Medien/Gemeinschaft</h3><ul><li>Eine geschriebene und einsatzbereite Presseerkl&#xE4;rung</li><li>Eine Telefonliste von Unterst&#xFC;tzer*innen in der Gegend, die mobile Streikposten mobilisieren k&#xF6;nnen</li><li>Eine Kontaktliste mit Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen von sympathisierenden Gewerkschaftsreporter*innen in der Region</li><li>Eine Liste von sympathisierenden Gewerkschaften mit Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen der Kontaktpersonen</li><li>Eine Liste anderer sympathisierender Organisationen, die in eurer Region respektiert werden, wie z. B. Kirchen, mit Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen der Kontaktpersonen</li></ul><h3 id="bereitschaft-zur-verhandlung">Bereitschaft zur Verhandlung</h3><ul><li>Ein Team von Arbeiter*innen, die sich bereit und in der Lage erkl&#xE4;rt haben, im Betriebsrat/Personalkommission mitzuarbeiten und Verhandlungen teilzunehmen, auch wenn diese Monate dauern.</li><li>Bestimmung der Arbeitsteilung und Grenzen von Betriebsrat/Personalkommission und dem Betriebskomitee als Gewerkschaft</li><li> Ein Anwalt und andere Personen mit einschl&#xE4;gigem Fachwissen (vielleicht au&#xDF;erhalb der IWW-Mitglieder), die bereit sind, an den Verhandlungen teilzunehmen und/oder euch zu beraten</li><li> Ein Eskalationsplan, um w&#xE4;hrend der Vertragsverhandlungen Druck auszu&#xFC;ben</li><li>Ein Verst&#xE4;ndnis des Verhandlungsprozesses, einschlie&#xDF;lich der Frage, wie sich das Gesetz darauf bezieht: Fristen, betrieblicheEinigungsstelle, &#xDC;berbetriebliche Einigungsstelle (Deutschland) usw.</li><li>Impfung aller Arbeiter*innen in Bezug auf den Verhandlungsprozess, einschlie&#xDF;lich der Frage, was er wahrscheinlich bewirken kann und was nicht (Klauseln &#xFC;ber die Rechte der Unternehmensleitung usw.)</li></ul><ul>
<li>Eine allgemeine &#xDC;bereinkunft oder ein Gef&#xFC;hl unter den Arbeiter*innen &#xFC;ber
<ul>
<li>das Beschwerderecht</li>
<li>Legitimit&#xE4;tsverfahren/Abstimmungsverfahren, wie der Zustimmung von Betriebsvereinbarungen nur unter Vorbehalt einer Abstimmung unter den Kolleg*innen</li>
<li>das von euch gew&#xFC;nschte Disziplinarverfahren</li>
<li>Brot-und-Butter-Themen: (ideale) Forderungen und das akzeptable Minimum</li>
<li>Eine Strategie zur Verhinderung einer Friedenspflicht, dessen 		Unterzeichnung laut &#x201E;Artikel VI &#x2013; Vereinbarungen&#x201C; unserer internationalen Verfassung verboten ist.[1]</li>
</ul>
</li>
</ul>
<blockquote>Vielleicht ist die Tatsache, dass es so viel Arbeit ist, der Grund, warum die Menschen versucht sind, Abk&#xFC;rzungen zu nehmen.</blockquote><h3 id="weitere-strategische-%C3%BCberlegungen">Weitere strategische &#xDC;berlegungen</h3><p>Wie ihr seht, m&#xFC;sst ihr eine Menge Arbeit leisten, um euch f&#xFC;r erfolgreiche Wahlen und Verhandlungen zu r&#xFC;sten. Vielleicht ist die Tatsache, dass es so viel Arbeit ist, der Grund, warum die Menschen versucht sind, Abk&#xFC;rzungen zu nehmen. Ein Teil der Versuchung, Abk&#xFC;rzungen zu nehmen, kommt auch von dem Glauben, dass ein Wahlsieg einen in eine sicherere Position bringt, um zu organisieren.</p><p>Aber Organisieren ist nichts, was man nach der Organisation einer Wahl tun sollte. Dies sollte so weit wie m&#xF6;glich im Vorfeld geschehen. Nach der Bekanntmachung der Wahl ist es sehr viel schwieriger, sich zu organisieren, weil dann die gewerkschaftsfeindlichen Ma&#xDF;nahmen des Chefs beginnen, wie z. B. verpflichtende Mitarbeiter*innenversammlungen, Propaganda, m&#xF6;gliche Vergeltungsma&#xDF;nahmen sowie Drohungen und Versprechungen, die alle zu einer Atmosph&#xE4;re der Spannung und Beunruhigung beitragen. Das macht es sehr viel schwieriger, aufsuchende Arbeit zu leisten oder die Leute dazu zu bringen, sich auf grundlegende Aufgaben wie Unternehmensrecherche oder die Kartierung des Arbeitsplatzes zu konzentrieren oder sogar positiv &#xFC;ber ihre W&#xFC;nsche nachzudenken, anstatt defensiv auf die Einsch&#xFC;chterungen des Chefs zu reagieren.</p><p>In den allermeisten F&#xE4;llen kommen die Chefs nicht an den Verhandlungstisch, nur weil eine Wahl gewonnen worden ist. Deshalb m&#xFC;ssen die Arbeiter*innen einen Plan haben, um Druck auf den Chef auszu&#xFC;ben, damit dieser verhandelt. Man k&#xF6;nnte sogar sagen, dass Wahlen (und sogar Vertr&#xE4;ge) die Position der Arbeiter*innen nicht an sich st&#xE4;rken. Sie bringen Dinge zu Papier, die die Arbeiter*innen bereits in der Lage sind, in den Betrieben durchzusetzen. Dabei existieren auch erzwingbare Vereinbarungen, ohne explizite Zustimmung der Chefs (Deutschland).</p><p>Vertragsfragen, wie z. B. der Umgang mit Beschwerden, die Behandlung von Disziplinarma&#xDF;nahmen und Brot-und-Butter-Themen wie L&#xF6;hne, sollten unter den Arbeiter*innen diskutiert werden, bevor ihre eine Wahl organisiert und bevor ihr mit dem Chef an den Verhandlungstisch kommt. Bevor der Chef mit Angeboten um sich wirft (oder, was wahrscheinlicher ist, sie abblockt), sollten die Arbeiter*innen wissen, was sie wollen und womit sie bereit sind, sich zu begn&#xFC;gen oder nicht.</p><p><strong>Wenn man diese Checkliste durchgeht, sollte man sich realistisch fragen:</strong></p><ul><li>Wie viele Einzelgespr&#xE4;che w&#xE4;ren n&#xF6;tig, um von der jetzigen Situation zu diesem Punkt zu gelangen?</li><li> Wie viel Zeit wird das in Anspruch nehmen?</li><li>Wie viele Stunden an Komitee-Sitzungen?</li><li>Wie viel Arbeit im Allgemeinen?</li><li> Wie viel Geld?</li></ul><p>Die Antwort auf jede dieser Fragen ist eine Variation von: &#x201E;sehr viel&#x201C;. Die Dinge sind zeitaufw&#xE4;ndig, weil das IWW-Modell auf betrieblichen Komitees beruht. Wir sind keine Organisation von Hauptamtlichen &#x2013; oder Superheld*innen. Die Gewerkschaft sind die Arbeiter*innen. Keine Einzelne* ist in der Lage, das Gewicht der Kampagne zu tragen. Die Bem&#xFC;hungen m&#xFC;ssen kollektiv sein, sonst werden sie nicht erfolgreich sein.</p><p>Bei formalen, rechtlichen Prozessen wie Wahlen und Vertr&#xE4;gen sollte man sich immer die Hilfe und das Fachwissen von au&#xDF;en sichern, aber ohne ein starkes und funktionierendes Komitee wird das nichts bringen. Selbst etablierte Gewerkschaften organisieren keine Wahlen oder versuchen Vertr&#xE4;ge auszuhandeln, wenn sie nicht &#xFC;ber eine gro&#xDF;e Zahl von Unterst&#xFC;tzer*innen unter den Arbeiter*innen, eine Strategie f&#xFC;r Verhandlungen und eine aktive Pr&#xE4;senz am Arbeitsplatz verf&#xFC;gen (auch wenn sie dazu neigen, &#xFC;ber die K&#xF6;pfe der Arbeiter*innen hinweg zu handeln). Im Falle einer von Arbeiter*innen gef&#xFC;hrten Gewerkschaft wie der unseren kann jedoch ohne eine breites, repr&#xE4;sentatives und aktives Betriebskomitee &#xFC;berhaupt nichts erreicht werden. (Und wenn man erst einmal einen hat, kann man sich fragen, ob sich die Kompromisse bei Verhandlungen im Rahmen eines Betriebsrates/Personalkommission lohnen, aber das ist eine andere Diskussion).</p><p>In einem kleinen Betrieb k&#xF6;nnen Wahlen relativ leicht gewonnen werden. F&#xFC;r eine Organizer*in ist das sehr verlockend. Ein Wahlsieg an sich verbessert jedoch nicht die eigene Position gegen&#xFC;ber dem Arbeitgeber, sondern ist nur der Auftakt zu einem ziemlich brutalen Kampf. Verhandlungsbem&#xFC;hungen und ganze Kampagnen geraten schnell ins Stocken, wenn sie nicht in der Lage sind, von der Basis aus Druck auszu&#xFC;ben, um den Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu zwingen und den von den Arbeiter*innen gew&#xFC;nschten Vertrag auszuhandeln.</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Diese Liste basiert auf der IWW Starbucks Workers&#x2019; Union: &#x201E;Checkliste vor dem Gang an die &#xD6;ffentlichkeit&#x201C;</em></i></div></div><p></p><hr><p><a href="applewebdata://BA15F34E-991A-43C4-A39E-6A35AF3CF785#_ftnref1">[1]</a> <a href="https://www.wobblies.org/materialien/geschaeftsordnung-verfassung/">https://www.wobblies.org/materialien/geschaeftsordnung-verfassung/</a></p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Aussagekräftige Geschichten vom Malochen & Kämpfen: Eine Einführung]]></title><description><![CDATA[Scott Nappalos schreibt über die Wichtigkeit Geschichten aus der Arbeiter*innenklasse aufzuschreiben und ihrer Rolle für Revolutionär*innen. Es ist zugleich die Einleitung zu unserem Buch "Spuren der Arbeit".]]></description><link>https://spuren.cc/aussagekraftige-geschichten-vom-malochen-kampfen-eine-einfuhrung/</link><guid isPermaLink="false">64143f80f0b34a317f887495</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><dc:creator><![CDATA[Scott Nikolas Nappalos]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:44 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1661827457838-d020429363d9?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDh8fFJlbWFya2FibGUlMjBzdG9yaWVzfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5NDEyOHww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/17f3c2b2-40cc-4072-b6f1-3d4507128501_thumb.jpeg" alt="Aussagekr&#xE4;ftige Geschichten vom Malochen &amp; K&#xE4;mpfen: Eine Einf&#xFC;hrung" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z"/></svg></div><div class="kg-audio-player-container"><audio src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/17f3c2b2-40cc-4072-b6f1-3d4507128501.mp3" preload="metadata"></audio><div class="kg-audio-title">Den Beitrag anh&#xF6;ren | Gelesen von Jona Larkin White | Quelle: direkteaktion.org/podcast</div><div class="kg-audio-player"><button class="kg-audio-play-icon" aria-label="Play audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z"/></svg></button><button class="kg-audio-pause-icon kg-audio-hide" aria-label="Pause audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><rect x="3" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/><rect x="14" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/></svg></button><span class="kg-audio-current-time">0:00</span><div class="kg-audio-time">/<span class="kg-audio-duration">1191.8889795918367</span></div><input type="range" class="kg-audio-seek-slider" max="100" value="0"><button class="kg-audio-playback-rate" aria-label="Adjust playback speed">1&#xD7;</button><button class="kg-audio-unmute-icon" aria-label="Unmute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z"/></svg></button><button class="kg-audio-mute-icon kg-audio-hide" aria-label="Mute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z"/></svg></button><input type="range" class="kg-audio-volume-slider" max="100" value="100"></div></div></div><img src="https://images.unsplash.com/photo-1661827457838-d020429363d9?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDh8fFJlbWFya2FibGUlMjBzdG9yaWVzfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5NDEyOHww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Aussagekr&#xE4;ftige Geschichten vom Malochen &amp; K&#xE4;mpfen: Eine Einf&#xFC;hrung"><p>In den Augen der dominanten Kultur und den Meinungen der politischen Kultur spielen Geschichten nur eine untergeordnete Rolle. Im politischen Leben ist Literatur bestenfalls ein emotionales Werkzeug f&#xFC;r die Theorie, etwas, um Menschen f&#xFC;r eine Sache zu motivieren, oder schlimmer noch, reine Unterhaltung. Geschichten, die erz&#xE4;hlt werden, sind lediglich Ereignisse: Dinge, die passieren, wenn Leute sich betrinken, Beispiele zur Veranschaulichung von Prinzipien in Schulungen und aktivistische Street Credibility zum Feilschen, Bewerten und Handeln. Die Vorstellung dahinter ist wohl, dass Geschichten au&#xDF;erhalb des sozialen und politischen Lebens stehen. Wir machen und benutzen sie im Lauf der Dinge, aber nehmen sie nur dann wirklich zur Kenntnis, wenn sie uns helfen, Dinge erledigt zu bekommen.</p>
<p>Geschichten auf diese Weise zu betrachten, wird dem Arbeitsleben jedoch nicht gerecht. Das Leben von Menschen aus der Arbeiter:innenklasse ist gef&#xFC;llt mit Geschichten, die Menschen jeden Tag &#xFC;ber ihre K&#xE4;mpfe, Perspektiven und Bestrebungen erz&#xE4;hlen. Das Leben der Arbeiter:innenklasse ist mit den Geschichten verwoben, die Menschen jeden Tag erz&#xE4;hlen. Auf dem Nachhauseweg schwirren sie uns im Kopf herum, wir halten an liebgewonnenen Geschichten fest, teilen andere, und manchmal werden wir so leidenschaftlich, dass wir versuchen, ihnen in Form von Texten, Audios oder Videos neues Leben einzuhauchen. Wir lassen die Ereignisse Revue passieren, wenn wir uns vor der Arbeit einen Kaffee teilen, wenn alte Has:innen rebellische Jugendliche unter ihre Fittiche nehmen, wenn Kolleg:innen sich untereinander tr&#xF6;sten, nachdem sie von ihren Chef:innen in der Luft zerrissen wurden, und wenn wir mit unseren Lieben versuchen, unseren Puls nach der Arbeit zu verlangsamen.</p>
<p>Die Erfahrungen der Arbeiter:innenklasse mit dem Erz&#xE4;hlen von Geschichten wurden von denjenigen unter uns, die versuchen, sich zu organisieren und eine bessere Gesellschaft aufzubauen, nie ernst genug genommen. Auf einer pers&#xF6;nlichen Ebene bietet die Welt des Geschichtenerz&#xE4;hlens einen unermesslichen Fundus an Wissen rund um die Bereiche Kultur und Kampfes, mit dem wir uns alle auseinanderzusetzen, zu dem wir beitragen und f&#xFC;r das wir ein Verst&#xE4;ndnis entwickeln sollten. (Besonders wenn wir von der Vorstellung geleitet werden, dass es ganz normale Menschen sein werden, die die &#xDC;bel der Gesellschaft l&#xF6;sen). Letzten Endes lie&#xDF;e sich auch sagen, dass der Akt des Erz&#xE4;hlens unserer Geschichten von Arbeit und K&#xE4;mpfen an sich zu einer Ver&#xE4;nderung von Menschen f&#xFC;hren kann.</p>
<p>Das Erz&#xE4;hlen einer Geschichte findet nicht im Anschluss an einen Prozess des Denkens und F&#xFC;hlens statt. Es ist keine Datei, die per Knopfdruck von einem Computer ausgegeben wird. Das Erz&#xE4;hlen einer Geschichte ist ein Akt des Reflektierens und Nachdenkens. Das hei&#xDF;t, Geschichten geben nicht einfach wieder, was wir denken; das Erz&#xE4;hlen einer Geschichte schafft neue Gedanken und ver&#xE4;ndert alte. Wir alle haben wohl bereits die Ver&#xE4;nderung gesp&#xFC;rt, die vonstattengeht, wenn wir anderen Menschen etwas erz&#xE4;hlen. Wenn wir in einer Auseinandersetzung mit unseren Liebsten begriffen sind, entdecken wir einen anderen Blickwinkel auf unsere Handlungen, wenn wir uns selbst zuh&#xF6;ren, wie wir das Geschehene in Worte fassen. Wenn wir diszipliniert vorgehen, l&#xE4;sst unsere Erinnerung an ein Geschehnis bei der Arbeit Unstimmigkeiten und wohldurchdachte Z&#xFC;ge in einem anderen Licht erscheinen. Es liegt etwas Kraftvolles in dem Prozess, wenn jemand, der an einem Kampf teilnimmt, eine Stimme f&#xFC;r seine Erfahrungen findet.<br>
Diese Geschichten beziehen sich auf Dinge, die passiert sind, aber ebenso darauf, wie wir sie in Worte fassen. Indem Erinnerungen Leben eingehaucht wird, findet eine imaginative und emotionale Verschiebung statt. Als Leser:in kann uns die Empfindung eines gro&#xDF;en Werks mitrei&#xDF;en, uns mit fremden Gef&#xFC;hlen und Motivationen erf&#xFC;llen und unsere Sicht auf das M&#xF6;gliche und Notwendige erweitern. Um die Rolle von Geschichten neu zu formulieren, m&#xFC;ssen wir diesen Prozess sowohl als Teil der aktiven Teilnahme an sozialen K&#xE4;mpfen als auch als eine M&#xF6;glichkeit zur Teilnahme begreifen. Die Transformationen unserer Ideen, Emotionen und unserer Vorstellungskraft, die durch Geschichten geschehen, &#xF6;ffnen den Raum f&#xFC;r eine tiefgreifendere T&#xE4;tigkeit. Die eigene Stimme zu finden, ist ein Schritt auf dem Weg, ein<em>e Revolution&#xE4;r</em>in zu werden.</p>
<h2 id="recomposition-klassen-neu-zusammensetzung">Recomposition: (Klassen-)Neu-Zusammensetzung</h2>
<p>Die folgenden Geschichten stammen aus der Online-Publikation Recomposition oder wurden bei ihr eingereicht.<sup class="footnote-ref"><a href="#fn1" id="fnref1">[1]</a></sup>  <a href="http://recomposition.info/">Recomposition</a> ist eine Online-Publikation, die von einem Kreis von Mitgliedern der <a href="https://www.wobblies.org/">Industrial Workers of the World (IWW)</a> in den Vereinigten Staaten und Kanada gegr&#xFC;ndet wurde. Nachdem wir jahrelang (in einigen F&#xE4;llen mehr als ein Jahrzehnt) innerhalb der IWW zusammengearbeitet hatten, wurden wir Freund:innen und politische Verb&#xFC;ndete. Im Laufe der Zeit haben wir eine gemeinsame Sichtweise entwickelt, obgleich diese Sichtweise im Zuge unserer gemeinsamen K&#xE4;mpfe Wandlungen unterworfen war. Die Website enth&#xE4;lt Erz&#xE4;hlungen aus der Sicht von Arbeiter:innen, Reflexionen, politische Theorie, Diskussionen &#xFC;ber linke Strategie und Geschichte. Wir ver&#xF6;ffentlichen auch Texte aus verschiedenen linken Traditionen als Teil eines Dialogs mit anderen Revolution&#xE4;r:innen, die sich &#xFC;berall auf der Welt organisieren. Wir hoffen, durch die kritische Auseinandersetzung mit dieser Arbeit und den Traditionen dazu beizutragen, das Denken und die Praxis radikaler Organisierung zu vertiefen.</p>
<p>Ab etwa 1999 kam es in der IWW zu einer erneuten Experimentier- und Organisierungswelle. Unter den &#x2013; von unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten verwendeten &#x2013; Bezeichnungen Minority Unionism (Minderheitsgewerkschaft), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Solidarit%C3%A4tsgewerkschaft">Solidarity Unionism (Solidarit&#xE4;tsgewerkschaft)</a> oder <a href="hhttps://www.wobblies.org/portfolio/direct-unionism/">Direct Unionism (Direkte-Aktionen-Gewerkschaft)</a> wehrten sich IWW-Mitglieder an ihren Arbeitspl&#xE4;tzen in den USA und Kanada mit kollektiven direkten Aktionen. Ohne sich auf den mit Fallen gespickten legalistischen Prozess des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/National_Labor_Relations_Board">National Labour Relations Board</a><sup class="footnote-ref"><a href="#fn2" id="fnref2">[2]</a></sup>  oder andere staatliche Strukturen zu verlassen. In diesem Prozess gab es innerhalb der IWW hitzige Debatten dar&#xFC;ber, was eine Gewerkschaft ist, was es bedeutet, sich zu organisieren, und welche Rolle Revolution&#xE4;r:innen einnehmen sollten. Die Leute von Recomposition kamen sich durch diese Auseinandersetzungen n&#xE4;her, da wir uns &#xE4;hnlichen Herausforderungen gegen&#xFC;bersahen, &#xE4;hnliche Fragen stellten und zu &#xE4;hnlichen Antworten gelangten, obwohl wir in einigen F&#xE4;llen durch Tausende von Meilen und sogar nationale Grenzen getrennt waren.</p>
<p>Neben den Erfahrungen und Str&#xF6;mungen in der betrieblichen Organisierung haben wir gemeinsame politische Ideen, Referenzen, Traditionen und Probleme, mit denen wir ringen. Im Gro&#xDF;en und Ganzen kommt Recomposition aus einer anarchistisch-kommunistischen Perspektive, die auf gemeinsame Erfahrungen in der IWW zur&#xFC;ckgeht. Was das Projekt jedoch einzigartig macht, ist der Grad an Zusammenarbeit und &#xDC;bereinstimmung, der erreicht wurde, obwohl die Beteiligten von g&#xE4;nzlich unterschiedlichen Punkten aus starteten und einer wilden Mischung von Str&#xF6;mungen entstammen. Die Menschen bei Recomposition beziehen ihre Ideen aus den besten libert&#xE4;r-marxistischen, anarchosyndikalistischen und anarchistischen Schriften. Dank dieser Mischung aus verschiedenen Denkschulen, Phasen und Perspektiven stellt das Projekt vielleicht ein einzigartiges Beispiel f&#xFC;r eine Praxis dar, in der konkrete Arbeit und ein entsprechendes Theoriegeb&#xE4;ude im Rahmen gemeinsamer Projekte, Publikationen und Aktivit&#xE4;ten zusammengebracht wurden.</p>
<p>Mit der Zeit haben wir begonnen, mehr Geschichten zu ver&#xF6;ffentlichen und zu schreiben und unsere Freund:innen und Genoss:innen zu ermutigen, es uns gleichzutun. Daraus ergaben sich f&#xFC;r uns weitergehende Fragestellungen zur Bedeutung von Geschichten im Leben und in der politischen Arbeit.</p>
<h2 id="stimmen-der-arbeiterinnenklasse">Stimmen der Arbeiter:innenklasse</h2>
<p>Der wichtigste Einfluss auf Recomposition und dieses Buch l&#xE4;sst sich auf die Traditionen der Arbeiter:innenklasse in den Vereinigten Staaten zur&#xFC;ckf&#xFC;hren. Aufgrund ihrer Analyse von Gewerkschaften, Arbeiter:innenk&#xE4;mpfen und Geschichten aus dem Leben der Arbeiter:innenklasse waren die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johnson-Forest_Tendency">Johnson-Forest-Tendenz (JFT)</a> und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stan_Weir_(academic)">Stan Weir</a> grundlegend f&#xFC;r das Denken einiger von uns bei Recomposition. Die JFT begann als <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Trotzkismus">trotzkistische Fraktion</a> innerhalb der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Socialist_Workers_Party_(Vereinigte_Staaten)">Socialist Workers Party (SWP)</a> in den Vereinigten Staaten, wandelte sich aber in der Mitte des Jahrhunderts in Richtung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunismus#Linkskommunismus">libert&#xE4;ren Kommunismus</a> und eines differenzierteren Verst&#xE4;ndnisses von &#x201A;Rasse&#x2018;/Ethnizit&#xE4;t, Klasse und Geschlecht. Dieser Wandel vollzog sich durch eine Kombination aus Beteiligung am Kampf, interner Reflexion und Theoriebildung sowie gro&#xDF;en historischen Ereignissen wie der Entstehung der Arbeiter:innenkontrolle in der ungarischen Revolution von 1956. Mit Denker:innen wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C._L._R._James">CLR James</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Raya_Dunayevskaya">Raya Dunevskaya</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Grace_Lee_Boggs">Grace Lee Boggs</a>, James Boggs und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Glaberman">Martin Glaberman</a> bot die JFT eine zu jener Zeit einzigartige Kritik an den Gewerkschaften. Ihre Kritik konzentrierte sich auf das Verh&#xE4;ltnis zwischen dem autonomen Handeln der Arbeiter:innen im Kampf und der vermittelnden Rolle von Gewerkschaften und Reformist:innen. Neben ihrer Theorie entwickelte die JFT eine Reihe von Schriften, die Geschichten und Erfahrungen von Arbeiter:innen enthielten. Eine Zeit lang gab sie eine Publikation heraus, <em><a href="https://libcom.org/article/facing-reality-clr-james-and-grace-lee-boggs">Facing Reality</a></em>, in deren Fokus die Geschichten von Arbeiter:innen stehen sollten.<sup class="footnote-ref"><a href="#fn3" id="fnref3">[3]</a></sup></p>
<p>Die JFT hat viele von uns bei Recomposition indirekt gepr&#xE4;gt. Die Lekt&#xFC;re der Arbeiter:innengeschichten des JFT-Mitglieds Martin Glaberman,<sup class="footnote-ref"><a href="#fn4" id="fnref4">[4]</a></sup> in denen Erfahrungen von Automobilarbeiter:innen mit Erkenntnissen zur Gewerkschaftshierarchie sowie zur Rolle von Revolution&#xE4;r:innen verschmolzen, war entscheidend f&#xFC;r die Entwicklung des <a href="https://www.wobblies.org/portfolio/direct-unionism/">Direct Unionism</a><sup class="footnote-ref"><a href="#fn5" id="fnref5">[5]</a></sup> in der IWW. Dieses Konzept des Direct Unionism in den IWW war wiederum von zentraler Bedeutung f&#xFC;r den politischen Reifungsprozess derjenigen von uns bei Recomposition. Glaberman las ich zum ersten Mal nach einem Streik, der nach Monaten des Kampfes schlussendlich von den Gewerkschaftshierarchien verraten wurde. Nat&#xFC;rlich ist es nicht so, dass die JFT die einzige gewesen w&#xE4;re, die solche Analysen hatte (andere anarchistische und linkskommunistische Autor:innen, die ich mittlerweile kenne, haben andere Ans&#xE4;tze), aber es waren ihre Schriften, die mir die Augen f&#xFC;r eine Welt der Erfahrungen und K&#xE4;mpfe der Arbeiter:innenklasse &#xF6;ffneten und die meine Sicht auf die Welt und sogar meinen pers&#xF6;nlichen Lebensweg f&#xFC;r immer ver&#xE4;ndern sollten. Und diese Erfahrung wiederholt sich immer wieder, wenn sich Arbeiter:innen im Laufe ihrer K&#xE4;mpfe mit diesen Ideen auseinandersetzen.</p>
<p>Einen noch gr&#xF6;&#xDF;eren Einfluss auf das Denken rund um das Geschichtenerz&#xE4;hlen und die Literatur hatte Stan Weir. Weir war ein Schriftsteller aus der Arbeiter:innenklasse, den seine Erfahrungen als organisierter Arbeiter auf Schiffen, in Autofabriken, an der K&#xFC;ste und in anderen Industrieberufen in der Mitte des Jahrhunderts radikalisierten. Weirs politisch Reifungsprozess fand zu einer Zeit statt, als Hafenarbeiter wie er in New York mit James Baldwin &#xFC;ber Literatur debattierten und per Schiff Intellektuelle der Arbeiter:innenklasse auf der ganzen Welt trafen. Seine Mentor:innen waren IWW-Mitglieder, Veteranen der Seestreiks an der Westk&#xFC;ste der 1930er Jahre. Durch sie lernte er die libert&#xE4;ren Str&#xF6;mungen der US-Arbeiter:innenbewegung kennen und erlebte die radikalen Traditionen m&#xFC;ndlicher Erz&#xE4;hlungen der Arbeiter:innenklasse.<br>
Im Gegensatz zu vielen linken Schriftsteller:innen konzentrierte sich Weir auf das <a href="https://libcom.org/article/singlejack-solidarity-stan-weir">Schreiben von Geschichten</a>.<sup class="footnote-ref"><a href="#fn6" id="fnref6">[6]</a></sup></p>
<p>Sein Werk ist zutiefst bewegend und pr&#xE4;sentiert nicht nur Theorie, sondern Ideen, die in die Fasern des Lebens der Arbeiter:innenklasse eingewoben sind: Arbeiter:innenliteratur im wahrsten Sinne des Wortes. Weir war ein libert&#xE4;rer Kommunist, der durch seine eigenen K&#xE4;mpfe und seine gelebte Realit&#xE4;t mit dem leninistischen Denken gebrochen hatte. Er gr&#xFC;ndete einen Verlag, Singlejack Press, benannt nach einem Werkzeug, das Arbeiter:innen dazu bringt, bei der Arbeit zusammenzuarbeiten. Der Verlag f&#xF6;rderte, schuf und verbreitete Geschichten von Arbeiter:innen &#xFC;ber ihre Arbeit. Die meisten dieser Texte sind heute vergriffen, und wenn wir nicht versuchen, sie wieder einzufangen, werden wir die Lektionen und Erfahrungen, die sie boten, verlieren.</p>
<p>Wie bereits bei Singlejack Press wurde auch in dieser Sammlung keiner der Texte von Profis verfasst. Keine:r von uns ist angestellt, um f&#xFC;r den eigenen Lebensunterhalt zu schreiben, und nur wenige der Autor:innen in diesem Buch &#x2013; falls &#xFC;berhaupt &#x2013; w&#xFC;rden sich als Schriftsteller:innen bezeichnen. Das ist wichtig, weil diese Geschichten ein Spiegelbild von Arbeiter:innen sind, die dagegen ank&#xE4;mpfen, wie unsere Gesellschaft unser Leben einschr&#xE4;nkt, und die gleichzeitig darum k&#xE4;mpfen, ein bestimmtes Narrativ zu entwickeln &#x2013; und das in ihrer Freizeit, neben ihrer eigentlichen Organisierung. Das ist bereits etwas, das leider einzigartig ist, aber auch ein Sieg an sich. Vom Schriftsteller:innentum und Schriften denkt man gemeinhin, dass sie eine Dom&#xE4;ne von Spezialist:innen sind, dass sie eine Form sind, in der bestimmte Leute denken. Der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci argumentierte hingegen, dass alle Menschen Intellektuelle sind, auch wenn nicht alle diese soziale Rolle einnehmen.</p>
<blockquote>
<p>&#x201E;Auch praktiziert jeder Mensch au&#xDF;erhalb seines unmittelbaren beruflichen Seins, eine Form intellektueller T&#xE4;tigkeit, denn er ist stets ein &#x203A;Philosoph&#x2039;, ein K&#xFC;nstler, ein Mensch mit Geschmack, hat Teil an der Weltauffassung, (&#x2026;) tr&#xE4;gt folglich dazu bei, eine Weltauffassung zu st&#xFC;tzen oder zu ver&#xE4;ndern, das hei&#xDF;t, neue Denkweisen hervorzurufen.&#x201C;<sup class="footnote-ref"><a href="#fn7" id="fnref7">[7]</a></sup></p>
</blockquote>
<p>Arbeiter:innen konsumieren nicht passiv die Ideen und Werke in der Welt, so Gramsci. Stattdessen stelle das gesellschaftliche Leben unz&#xE4;hlige Formen intellektueller Aktivit&#xE4;t in uns allen dar. Diese intellektuelle Aktivit&#xE4;t sei nat&#xFC;rlich stark von der Gesellschaft gepr&#xE4;gt, in der wir leben. Gramsci unterscheidet zwischen &#x201E;traditionellen Intellektuellen&#x201C; und &#x201E;organischen Intellektuellen&#x201C;. Traditionelle Intellektuelle sind diejenigen, die die soziale Rolle der intellektuellen Spezialist:innen einnehmen, als Teil des Klassensystems. Traditionelle Intellektuelle haben einer Anstellung bei und sind in institutionelle Organe der intellektuellen T&#xE4;tigkeit eingebunden, die trotz ihres klassen&#xFC;bergreifenden Charakters (es gibt Intellektuelle unterschiedlicher Herkunft) zur Schaffung und Aufrechterhaltung der Institutionen und der Ideologie der herrschenden Klasse beitragen. Organische Intellektuelle hingegen sind Menschen, die durch ihre Klassenkr&#xE4;fte zu Intellektuellen werden und damit den Prozess und den Kampf im Rahmen von Konflikten widerspiegeln, die ihr Denken zum Teil hervorbringen. Wie Gramsci schrieb:</p>
<blockquote>
<p>&#x201E;[e]ines der bedeutendsten Merkmale jeder Gruppe, die sich auf die Herrschaft hin entwickelt, ist ihr Kampf um die Assimilierung und &apos;ideologische&apos; Eroberung der traditionellen Intellektuellen, eine Assimilierung und Eroberung, die umso schneller und wirksamer ist, je mehr die gegebene Gruppe gleichzeitig ihre eigenen organischen Intellektuellen heranbildet.&#x201C; <sup class="footnote-ref"><a href="#fn8" id="fnref8">[8]</a></sup></p>
</blockquote>
<p>Organische Intellektuelle werden oft nicht als Intellektuelle anerkannt, weil sie nicht den Rollen traditioneller Intellektueller entsprechen. Des Weiteren entsteht f&#xFC;r organische Intellektuelle, die neu auftauchen, ein enormer Druck, einen Job als traditionelle:r Intellektuelle:r zu suchen.<br>
Das Konzept der organischen Intellektuellen hat gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Konzept der Praxis,<sup class="footnote-ref"><a href="#fn9" id="fnref9">[9]</a></sup> die wiederum das Produkt aus dem sich entwickelnden Zusammenspiel von Theorie und Aktion ist. Dies ist eine M&#xF6;glichkeit, wie sich die Narrative von Arbeiter:innen fassen lassen. Der Prozess der Auseinandersetzung mit nicht-professionell schreibenden Arbeiter:innen und Schriftsteller:innen, die in K&#xE4;mpfen involviert sind, vermittels ihrer Geschichten dient dazu, das soziale Fundament des intellektuellen Lebens der Arbeiter:innenklasse neu zu beleben und es derart zu verwandeln, dass ihm kollektiv erschaffene organische Intellektuelle entspringen. Diese Narrative sollten dann nicht nur ob ihrer Sch&#xF6;nheit, Tragik und motivierenden Kraft in unserem Leben betrachtet werden, sondern auch als Spiegelbild von Arbeiter:innen, die sich mit ihrer Welt auseinandersetzen und neue, von der Dominanz des Kapitals und des Staates unabh&#xE4;ngige Formen von Gegenmacht schaffen.</p>
<h2 id="spuren-der-arbeit-recomposition">Spuren der Arbeit &amp; Recomposition</h2>
<p>Der Text ist in drei Abschnitte gegliedert: Widerstand, Zeit und Schlaf. Die Einteilung folgt wiederkehrenden F&#xE4;den in den Erz&#xE4;hlungen, die sowohl in den Themen der Autor:innen als auch im Arbeitsleben selbst pr&#xE4;sent sind. In den Geschichten setzen sich die Autor:innen mit dem Widerstand bei der Lohnarbeit auseinander, warum wir k&#xE4;mpfen und was die Missst&#xE4;nde sind. &#x201E;Widerstand&#x201C; berichtet &#xFC;ber den Versuch, Probleme bei der Arbeit zu beheben, und &#xFC;ber kollektive Lehren, die sich aus diesen K&#xE4;mpfen ziehen lassen. &#x201E;Zeit&#x201C; befasst sich mit der Welt der Arbeit, mit allem, was sie von uns verlangt und auch wegnimmt. Der letzte Abschnitt, &#x201E;Schlaf und Tr&#xE4;ume&#x201C;, handelt davon, wie die Arbeit in unser Leben eindringt und uns sogar bis in unsere Tr&#xE4;ume verfolgt.</p>
<p>Recomposition ist ein breit angelegtes Projekt, das sich nicht nur Geschichten wie diese umfasst, sondern auch Inhalte, die in diesem Buch unber&#xFC;cksichtigt bleiben, wie etwa Texte, die konkrete Formen des Organizings vorstellen, oder Analysen dar&#xFC;ber, woher das alles kommt. Dieses Buch besteht aus ver&#xF6;ffentlichten und unver&#xF6;ffentlichten Einsendungen von Recomposition und ausgeschriebenen Geschichten, etwa aus den Jahren 2009&#x2013;2011. Der Blog ist ein fortlaufendes Projekt, das auch nach der Ver&#xF6;ffentlichung des Buches weitergef&#xFC;hrt wird, und es kommen immer wieder neue Themen und Beitr&#xE4;ge hinzu. Diskussionen und Einreichungen k&#xF6;nnen &#xFC;ber die Website laufen, aber Interessierte werden ermutigt, uns direkt per E-Mail &#xFC;ber unsere Adresse <a href="mailto:recomposition.blog@gmail.com">recomposition.blog@gmail.com</a> zu kontaktieren.<br>
Juli 2013, Miami, Florida</p>
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<section class="footnotes">
<ol class="footnotes-list">
<li id="fn1" class="footnote-item"><p>Anm. d. &#xDC;.: <a href="http://recomposition.info">http://recomposition.info</a>. Die Website ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Das Archiv kann jedoch bei der antiautorit&#xE4;ren Plattform Libcom eingesehen werden. <a href="https://libcom.org/blog/recomposition">https://libcom.org/blog/recomposition</a>. Einige Autor*innen betreiben ein Folgeprojekt namens Organizing Work: <a href="https://organizing.work">https://organizing.work</a>. <a href="#fnref1" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn2" class="footnote-item"><p>Anm. d. &#xDC;.: Staatliche Aufsichtsbeh&#xF6;rde f&#xFC;r Arbeitsbeziehungen in den USA. <a href="#fnref2" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn3" class="footnote-item"><p>CLR James, GC Lee, &amp; C. Castoriadis, Facing Reality (Charles H. Kerr Press, 2006) <a href="#fnref3" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn4" class="footnote-item"><p>Martin Glaberman, Punching Out &amp; Other Writings (Charles H. Kerr Press, 2002). <a href="#fnref4" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn5" class="footnote-item"><p>Die deutsche &#xDC;bersetzung der gleichnamigen Brosch&#xFC;re kann bei der IWW im deutschsprachigen Raum heruntergeladen werden: <a href="https://www.wobblies.org/portfolio/direct-unionism/">https://www.wobblies.org/portfolio/direct-unionism/</a> (Anm. d. &#xDC;.) <a href="#fnref5" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn6" class="footnote-item"><p>Stan Weir, Singlejack Solidarity (University of Minnesota, 2004). <a href="#fnref6" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn7" class="footnote-item"><p>(1531, 71) Gramsci, Antonio: Gef&#xE4;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Band 1-10, Hamburg 1991-2003. <a href="#fnref7" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn8" class="footnote-item"><p>Ebd., Seite 1500. <a href="#fnref8" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
<li id="fn9" class="footnote-item"><p>F&#xFC;r weitere Ausarbeitungen der Praxis siehe die Schriften von Paolo Freire wie Die P&#xE4;dagogik der Unterdr&#xFC;ckten oder den Artikel dieses Autors Towards Theory of Political Organization for Our Time unter: <a href="https://libcom.org/library/towards-theory-political-organization-our-time-part-i-trajectories-struggle-intermediate.">https://libcom.org/library/towards-theory-political-organization-our-time-part-i-trajectories-struggle-intermediate.</a> <a href="#fnref9" class="footnote-backref">&#x21A9;&#xFE0E;</a></p>
</li>
</ol>
</section>
<div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/spuren-der-arbeit-buch/" rel="noreferrer"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Kämpfe & Kündigungen]]></title><description><![CDATA[Phinneas Gage beschreibt eine kollektive Aktion gegen Überstunden bei der Post und dem Auf und Ab bei der Organisierung.]]></description><link>https://spuren.cc/kampfe-kundigungen/</link><guid isPermaLink="false">643556fa94d72e8e6d548fcd</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><category><![CDATA[Kampagnenberichte]]></category><dc:creator><![CDATA[Phinneas Gage]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:42 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1606246018324-90becaa7112e?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=MnwxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDN8fGNhbmFkYSUyMHBvc3R8ZW58MHx8fHwxNjgxMjE3Mzc1&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/04kaempfe-und-kuendigungen_thumb.jpeg" alt="K&#xE4;mpfe &amp; K&#xFC;ndigungen" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z"/></svg></div><div class="kg-audio-player-container"><audio src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/04kaempfe-und-kuendigungen.mp3" preload="metadata"></audio><div class="kg-audio-title">Den Beitrag anh&#xF6;ren | Gelesen von Jona Larkin White | Quelle: direkteaktion.org/podcast</div><div class="kg-audio-player"><button class="kg-audio-play-icon" aria-label="Play audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z"/></svg></button><button class="kg-audio-pause-icon kg-audio-hide" aria-label="Pause audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><rect x="3" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/><rect x="14" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/></svg></button><span class="kg-audio-current-time">0:00</span><div class="kg-audio-time">/<span class="kg-audio-duration">907.5461224489796</span></div><input type="range" class="kg-audio-seek-slider" max="100" value="0"><button class="kg-audio-playback-rate" aria-label="Adjust playback speed">1&#xD7;</button><button class="kg-audio-unmute-icon" aria-label="Unmute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z"/></svg></button><button class="kg-audio-mute-icon kg-audio-hide" aria-label="Mute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z"/></svg></button><input type="range" class="kg-audio-volume-slider" max="100" value="100"></div></div></div><img src="https://images.unsplash.com/photo-1606246018324-90becaa7112e?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=MnwxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDN8fGNhbmFkYSUyMHBvc3R8ZW58MHx8fHwxNjgxMjE3Mzc1&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="K&#xE4;mpfe &amp; K&#xFC;ndigungen"><p>Harjit stand 15 Minuten lang in der K&#xE4;lte vor dem Depot, bevor jemand anderes kam. Er hatte einen Stapel Streikpostenschilder neben sich. Die St&#xF6;cke ragten aus den M&#xFC;lls&#xE4;cken heraus, in denen die Schilder verpackt waren. Auf ihnen sammelte sich langsam Schnee. Es w&#xFC;rde ein langer Tag werden, eine halbe Stunde fr&#xFC;her auf der Arbeit, um den Leuten ihre Streikpostenschilder und Trillerpfeifen zu besorgen, acht Stunden Arbeit, und dann noch die &#xDC;berstunden, die anstanden.</p><p>Sheila war die n&#xE4;chste, die in ihrem verbeulten, rostigen Pickup-Truck auftauchte. Sie ging auf Harjit zu und versuchte, den letzten Rest einer Zigarette fertig zu rauchen, w&#xE4;hrend sie eines der Schilder aus dem M&#xFC;llsack zog. Auf dem Schild stand: &#x201E;<strong>&#xDC;berstunden beenden &#x2013; mehr Personal einstellen.</strong>&#x201C; Sie l&#xE4;chelte. Bald war der Parkplatz voller Brieftr&#xE4;ger*innen, ein Meer aus blau-roten Canada-Post-Uniformen. Sie alle plauderten und redeten, meist &#xFC;ber die erzwungenen &#xDC;berstunden, die bei der Post &#x201E;Force-back&#x201C; genannt wurden.</p><blockquote> &quot;Ich habe noch nie von einem Job geh&#xF6;rt, bei dem man nach getaner Arbeit noch zwei bis vier Stunden im Dunkeln weiterarbeiten muss.&quot;</blockquote><p>Harjit stellte sich auf eine Postwanne und sagte: &#x201E;Ich lebe nicht, um bei Canada Post zu arbeiten, ich arbeite hier, weil ich an ein &#xF6;ffentliches Postamt glaube und ich meine Familie ern&#xE4;hren und kleiden muss. Ich habe noch nie von einem Job geh&#xF6;rt, bei dem man nach getaner Arbeit noch zwei bis vier Stunden im Dunkeln weiterarbeiten muss. Wir m&#xFC;ssen das Management dazu bringen, dass es aufh&#xF6;rt, erzwungene &#xDC;berstunden einzusetzen, um ein Personalproblem zu l&#xF6;sen. Lasst uns da rein gehen und dem Management sagen, was wir davon halten!&#x201C;</p><p>Bewaffnet mit Krachmachern und Schildern dr&#xE4;ngte die Menge dann durch die Vordert&#xFC;ren des Depots. Harjit l&#xE4;chelte und hielt die T&#xFC;r f&#xFC;r alle auf, als sie eintraten. Gemeinsam marschierten sie etwa zehn Minuten lang durch die Reihen der Sortierk&#xE4;sten. Sie skandierten und machten L&#xE4;rm, w&#xE4;hrend die Gesch&#xE4;ftsleitung von ihrem B&#xFC;ro aus zusah. Schlie&#xDF;lich gingen alle zu ihren Arbeitspl&#xE4;tzen und begannen, die Post des Tages zu sortieren. Sp&#xE4;ter gesellte sich Harjit auf eine Zigarette zu Sheila. &#x201E;Super gemacht, Harjit. Ich bin froh, dass du diese Aktion angeleiert hast. Die Rede war auch toll&#x201C;, sagte sie. Harjit l&#xE4;chelte. &#x201E;Du konntest es nicht sehen, weil du geredet hast, aber das Management hat zugeschaut, und sie sahen zu Tode erschrocken aus!&#x201C;</p><p>Ein paar Tage sp&#xE4;ter gingen Harjit und Sheila den Ablauf noch einmal mit den Reihenkapit&#xE4;nen durch. &#x201E;Okay, Jan, deine Aufgabe ist es, ihnen in die Parade zu fahren, sie wissen, dass du eine Aktivistin bist, und sie werden einfach dar&#xFC;ber hinweggehen, was die &#xFC;blichen Verd&#xE4;chtigen zu sagen haben.&#x201C; Dann war Sheila an der Reihe. &#x201E;Katie, du ergreifst nicht oft das Wort; deshalb haben wir dich ausgew&#xE4;hlt, um dar&#xFC;ber zu sprechen, wie sich der Force-Back auf dein Kinderbetreuungs-Arrangement auswirkt. Sie werden dir zuh&#xF6;ren, weil sie glauben, dass du dich im Allgemeinen nicht viel beschwerst.&#x201C; Dann legte Harjit den Forderungsbrief auf den Tisch und schaute einen &#xE4;lteren Mann an. &#x201E;Diesen Brief sollst du zuletzt vorlesen, Bill. Das funktioniert genauso wie eine formelle Beschwerde oder eine Klage. Jan ist die Unterbrecherin &#x2013; sie soll verhindern, dass sie das Ganze in ein Management-Meeting verwandeln. Katie liefert die Dokumentation des Problems, und Bill gibt unseren Vorschlag f&#xFC;r eine L&#xF6;sung.&#x201C;</p><p>Als der Rest des Depots drau&#xDF;en ankam, versammelten sie sich als Gruppe mit Schildern und Krachmachern und marschierten wie beim letzten Mal durch die Eingangst&#xFC;r. Diesmal wurde dem Management ganz mulmig zumute, als die gro&#xDF;e Menschenmenge in einer geraden Linie auf das B&#xFC;ro zumarschierte und sich vor ihnen aufbaute.</p><p>***</p><p>Harjit konnte sp&#xFC;ren, wie seine H&#xE4;nde leicht zittern. Der heutige Tag war wie eine Achterbahnfahrt. Alles begann mit der Aufregung, als er eine SMS mit einem Link bekam, in der stand, dass Canada Post Hunderte von Aushilfskr&#xE4;ften einstellen wollte &#x2013; ihre Hauptforderung. Sie hatten gewonnen! Sobald sich die Nachricht verbreitete, herrschte eine unglaubliche Aufregung auf dem Flur, die Leute scherzten und jubelten. Als er jedoch zur Arbeit kam, fand er den Brief von Canada Post auf seinem Schreibtisch, in dem stand, dass sie ein Treffen mit ihm wollten, um die Probleme mit den Angestellten im Depot zu besprechen. Er dachte dar&#xFC;ber nach, was seine Frau sagen w&#xFC;rde, wenn er wirklich Schwierigkeiten bek&#xE4;me; eine Suspendierung k&#xF6;nnte ihr Budget ein wenig strapazieren, und er f&#xFC;hlte sich kurz nach Weihnachten ziemlich pleite. Was w&#xE4;re, wenn er gefeuert w&#xFC;rde? Daran wollte er gar nicht denken.</p><blockquote>Sie hatten gewonnen! Sobald sich die Nachricht verbreitete, herrschte eine unglaubliche Aufregung auf dem Flur, die Leute scherzten und jubelten.</blockquote><p>&#x201E;Bei dir alles okay, Mann?&#x201C; fragte Sheila. Harjit nickte und l&#xE4;chelte d&#xFC;nn, als er ihr den Brief reichte. Sie brauchte ihn nicht zu lesen, um zu wissen, was los war. &#x201E;Wir halten dir den R&#xFC;cken frei, egal was passiert, Harj.&#x201C; Er nickte, f&#xFC;hlte sich aber ziemlich allein.</p><p>***</p><p>Craig hielt einen Umschlag in der Hand, auf dem in der oberen linken Ecke der Briefkopf der Firma und Harjits Name stand. Die zunehmend k&#xE4;mpferischen Auseinandersetzungen brachten neue Belastungen f&#xFC;r das B&#xFC;ro mit sich. Als der lokale Beschwerdebeauftragte sp&#xFC;rte Craig das am meisten. Zun&#xE4;chst einmal gab es die sehr reale Tatsache, dass die Verweigerung von &#xDC;berstunden einen direkten Versto&#xDF; gegen den Tarifvertrag darstellte; der Vertrag war diesbez&#xFC;glich eindeutig, und es gab keine Garantie daf&#xFC;r, dass ein Schlichter zustimmen w&#xFC;rde, dass die &#xDC;berstunden eine echte Bedrohung f&#xFC;r die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter*innen darstellten. Die Ortsgruppe war immer k&#xE4;mpferisch gewesen, aber die &#xF6;rtlichen Gewerkschaftsfunktion&#xE4;r*innen umgaben sich immer mit einem Hauch von Professionalit&#xE4;t. Sie wussten, dass es die Aufgabe des B&#xFC;ros war, einen Deal auszuhandeln, mit dem die Arbeiter*innen zufrieden waren. Craig machte sich Sorgen dar&#xFC;ber, was auf lange Sicht zwischen der Gewerkschaft und dem Management passieren w&#xFC;rde, wenn sie keine Einigung erzielen konnten.</p><p>Der Ortsverband hatte vor kurzem eine Strafe von 50.000 Dollar f&#xFC;r eine illegale Arbeitsniederlegung vor vier Jahren gezahlt. Die Leute im Gewerkschaftsb&#xFC;ro waren ein wenig schreckhaft geworden. Dazu kam eine f&#xFC;nft&#xE4;gige Suspendierung, die &#xFC;ber 100 Arbeiter*innen erhalten hatten. Ein weiterer Versto&#xDF; gegen den Tarifvertrag k&#xF6;nnte noch mehr Geldstrafen nach sich ziehen; es gab viel Gr&#xFC;nde anzunehmen, dass die Regierung bei einer weiteren Eskalation die eigene Reaktion eskalieren w&#xFC;rde, um den Arbeitsfrieden zu wahren. Die betriebsseitigen Arbeitsbeauftragten wussten das und sagten das auch den hauptamtlichen Gewerkschaftsvertreter*innen. Eine*r der Arbeitsbeauftragten w&#xFC;rde sagen: &#x201E;Sie sind die verantwortlichen Vertreter. Sagen Sie Ihren Arbeitern, sich an den Vertrag zu halten und wieder an die Arbeit zu gehen.&#x201C; Es fielen auch Andeutungen, dass sie an anderer Stelle nachgeben w&#xFC;rden, wenn wir ihnen ein wenig Spielraum in der Frage des Force-Back geben w&#xFC;rden.</p><p>Wie Craig war auch Ike ziemlich aufgeregt, aber aus anderen Gr&#xFC;nden. Ike war noch nicht lange als Funktion&#xE4;r t&#xE4;tig, und er betrachtete das Ende des Force-Back als eines der aufregendsten Dinge, die er im Betrieb erlebt hatte, seit er bei der Post angefangen hatte. Ike fragte Craig dann nach den Kosten, die entstehen, wenn man eine Beschwerde bis zur letzten Stufe der Schlichtung bringt. Es gibt viele verschiedene M&#xF6;glichkeiten, wie man die Zahlen berechnen kann, aber die Gesamtkosten nach Hotelzimmern und Schiedsrichterhonoraren gehen immer noch in die Zehntausende. Wenn man das ber&#xFC;cksichtigt, war das Bu&#xDF;geld f&#xFC;r Delton nicht wirklich viel teurer als ein paar hochkar&#xE4;tige Klagen. Craig war durchaus bereit, sich das anzuh&#xF6;ren, aber es gab noch etwas anderes, das ihm Sorgen machte.</p><p>***</p><p>&#x201E;Komm schon Craig&#x201C;, unterbrach ihn Ike, &#x201E;die Solidarit&#xE4;t unter den Brieftr&#xE4;ger*innen im Betrieb war noch nie so stark. Die Gewerkschaft ist deswegen st&#xE4;rker geworden; au&#xDF;erdem haben wir den Konzern gezwungen, das Personalproblem zu l&#xF6;sen. Was kann daran schon schlecht sein?&#x201C; Auch das war richtig. Der Konzern stellte so viel Personal ein wie seit Jahren nicht mehr. Sogar die Arbeitsbeauftragten des Unternehmens gaben zu, dass dies eine direkte Folge der Kampagne war. Aber jetzt war es an Craig, Ike zu unterbrechen.</p><blockquote>Das Management spuckte gro&#xDF;e T&#xF6;ne, und einer der Chefs sagte, sie wollten Harjit feuern.</blockquote><p>Er fuchtelte ver&#xE4;rgert mit den Armen. &#x201E;Du willst wissen, was die Kehrseite ist? Die Kehrseite ist das hier!&#x201C; Mit Schwung knallte Craig den Brief mit Harjits Namen auf den Tisch. Es war ein Disziplinarbrief. Das Management spuckte gro&#xDF;e T&#xF6;ne, und einer der Chefs sagte, sie wollten Harjit feuern. &#x201E;Wei&#xDF;t du, was Harjit aus der Patsche helfen wird? Wenn wir ein gutes Verh&#xE4;ltnis zum Management haben, k&#xF6;nnen wir den Job dieses Typen retten. Wenn nicht, muss er nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern gehen und ihnen sagen, dass er gefeuert wurde.&#x201C;</p><p>Ike blinzelte und schluckte. Vielleicht hatte Craig recht. Es ist nicht so, dass er nicht an die M&#xF6;glichkeit einer Entlassung gedacht h&#xE4;tte. Wir alle sprachen bei den Treffen unserer Organizing-Komitees oft &#xFC;ber das Thema Entlassungen. Wir sprachen dar&#xFC;ber, dass das wahrscheinlich kommen w&#xFC;rde und wir gegen die Disziplinarma&#xDF;nahmen k&#xE4;mpfen mussten. Dies war jedoch real, es war nicht nur eine hypothetische M&#xF6;glichkeit. Er kannte Harjit und mochte den Kerl. Sie hatten erst in der Woche zuvor in einer Bar bei Harjits Wohnung ein Bier getrunken. Er hatte Harjits Frau und Kinder kennengelernt. Ike dachte an Harjits Frau und daran, wie es f&#xFC;r ihn sein w&#xFC;rde, ihr zu sagen, dass er gefeuert worden war. In diesem Moment sah Ike, aus welcher Warte Craig das Ganze betrachtete; vielleicht mussten wir tats&#xE4;chlich versuchen, einen Teil der Gewerkschaft im Dialog mit der Gesch&#xE4;ftsleitung zu halten. Es gibt eine Zeit, in der wir auch auf unsere Mitglieder aufpassen m&#xFC;ssen.</p><p>***</p><p>Harjit legte nach seinem Telefonat mit dem Gewerkschaftsb&#xFC;ro den H&#xF6;rer auf. Sie sagten, das Management wolle Blut sehen. Er stellte sich vor, seiner Familie zu sagen, dass er gefeuert wurde, und f&#xFC;hlte sich leicht &#xFC;bel. Seine Kolleg*innen waren w&#xFC;tend. Er ermahnte sich selbst, ruhig zu bleiben, w&#xE4;hrend er erkl&#xE4;rte, warum seine siebzig Kolleg*innen geschlossen in seine Disziplinarbesprechung marschieren sollten, um sie zu sprengen. Beim Sprechen zitterte seine Stimme zitterte ein wenig. Sheila war au&#xDF;er sich vor Wut auf das Management und sie wollte Blut sehen. Sie schrie: &#x201E;Wir setzen uns f&#xFC;r unsere Gesundheit und Sicherheit und unsere Arbeitspl&#xE4;tze ein, und sie reagieren so? Das k&#xF6;nnen wir nicht zulassen!&#x201C; Harjit versuchte, sie zu beruhigen, dann machte er sich mit seinem gew&#xE4;hlten Gewerkschaftsvertreter auf den Weg zum B&#xFC;ro, um das Meeting abzuhalten.</p><blockquote>Nichts h&#xE4;lt Gewerkschaften so sehr zur&#xFC;ck wie die andauernde Notwendigkeit, zu verhandeln, einen Deal zu machen.</blockquote><p>Es hei&#xDF;t, dass &#x201E;Interessen-Ausgleich&#x201C; die Kardinals&#xFC;nde der Gewerkschaftsbewegung ist. Dies ist unbestreitbar wahr. Nichts h&#xE4;lt Gewerkschaften so sehr zur&#xFC;ck wie die andauernde Notwendigkeit, zu verhandeln, einen Deal zu machen. Die Gewerkschaften werden oft in eine Position gezwungen, in der sie nicht den Kampf gegen den Chef f&#xFC;hren, sondern zwischen den Arbeiter*innen und Bossen vermitteln. Es gibt einen enormen Druck auf Gewerkschaftsfunktion&#xE4;re und &#x2011;aktivist*innen, direkte Aktionen auszubremsen. Je nach Ausma&#xDF; der Aktion kann es zu Geldstrafen gegen die Gewerkschaft kommen, ihre Funktion&#xE4;r*innen oder sogar die Mitglieder, die sich selbst beteiligen. Je nachdem kann es auch gerichtliche Verf&#xFC;gungen, Gef&#xE4;ngnisstrafen oder sogar K&#xFC;ndigungen geben. Es ist oft verlockend zu sagen, dass nichts getan werden kann, wenn es keine juristische Grundlage zum Handeln gibt. Repression ist offensichtlich Teil des Kampfes und erwartbar, aber wenn angesichts von Menschen, die in der ganz realen Welt Opfer bringen, Kompromisse gemacht werden, hat das Anprangern dieser S&#xFC;nde &#x2013; vor dem Hintergrund bestimmter, sehr trostloser Umst&#xE4;nde &#x2013; keinen Einfluss auf die wahrgenommene Notwendigkeit derselben. Das kann dazu f&#xFC;hren, dass Gewerkschaftsfunktion&#xE4;r*innen gem&#xE4;&#xDF; einer anderen Denkweise und eines anderen Zeithorizonts handeln als k&#xE4;mpferische Gewerkschaftsmitglieder am Arbeitsplatz.</p><p>Wir sollten Mediation nicht als schlechte Wahl begreifen, sondern als Ergebnis eines bestimmten Gleichgewichts der Kr&#xE4;fte auf der Arbeit und in der Gesellschaft insgesamt. Es ist verlockend zu denken, dass die Vermeidung von Mediation nur die Frage eines gut ausgebildeten politischen Bewusstseins ist. Es ist verlockend zu denken, dass Arbeiter*innen und ihre Organisationen nicht in diese Falle tappen w&#xFC;rden, wenn sie nur die richtige Politik h&#xE4;tten. Gute Politik ern&#xE4;hrt jedoch nicht ihre Kinder und zahlt nicht die Miete.</p><p>***</p><p>Als Harjit und sein Gewerkschaftsvertreter weggingen, holte Sheila alle von der Etage zu einer Besprechung in den Pausenraum. Sie wusste, dass die Bosse an Harjit ein Exempel statuieren wollten. Langsam fanden sich die Briefzusteller*innen und die Innenarbeiter*innen im Pausenraum ein und nahmen auf der anderen Seite des Depots Platz. Die Arbeitsstellen waren alle unbesetzt. Sie machte sich Sorgen, dass das Management Harjit feuern w&#xFC;rde. Sie dachte dar&#xFC;ber nach, was das f&#xFC;r ihn und seine Familie und f&#xFC;r die Organisierung am Arbeitsplatz bedeuten w&#xFC;rde. Sie wusste, dass Harjit nicht wollte, dass jemand die Disziplinarsitzung st&#xF6;rte. Sie wusste auch, dass das Management seine Leute im Raum hatte, die ihnen &#xFC;ber das Gespr&#xE4;ch im Pausenraum berichten w&#xFC;rden. Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass sie selbst einen Brief von der Gesch&#xE4;ftsleitung bekommen k&#xF6;nnte, auf dem ihr Name stand. Sheila begann, die Besprechung im Pausenraum zu moderieren. Die Sitzung war unruhig und verfing sich immer wieder in Nebendebatten.</p><p>Ein Brieftr&#xE4;ger schlug koordiniertes Krankmachen vor. Viel Nicken und ein schnelles Handzeichen zeigten, dass es eine klare Mehrheit gab. Sollte Harjit suspendiert werden, w&#xFC;rde das eine Krankschreibung f&#xFC;r die Dauer der Strafe nach sich ziehen; sollte er gefeuert werden, w&#xFC;rde das einen unbefristeten wilden Streik bedeuten. Die Arbeiter*innen in Harjits Depot vereinbarten, sich solange krankzumelden, wie Harjit nicht zu Arbeit erscheint. Kleine Aktionen fanden auch in einigen anderen Depots und in der Postzentrale statt, die von einem lokalen Komitee von Aktivist*innen in der ganzen Stadt organisiert wurden.</p><p>***</p><p>In unseren K&#xE4;mpfen bei Kanada Post hatten wir die politische Position, dass wir nicht zwischen den Arbeiter*innen und dem Chef vermitteln w&#xFC;rden. Noch wichtiger waren jedoch unsere langfristigen Beziehungen zu den Kolleg*innen und unsere Erfahrungen bei der Organisierung am Arbeitsplatz. Mittels Aktionen schufen wir ein Strategie der langsamen Eskalation und des Aufbaus von Solidarit&#xE4;t am Arbeitsplatz. Harjit stand eine ganze Reihe von Anf&#xFC;hrer*innen beiseite, die bei sich der Arbeit dazu entwickelt hatten, durch viele Aktionen am Arbeitsplatz, die mit Kaffeepausentreffen begannen, dann zu M&#xE4;rschen auf das B&#xFC;ro der Chefs f&#xFC;hrten und schlie&#xDF;lich dazu, dass die Angestellten sich weigerten, &#xDC;berstunden zu leisten. Das bedeutete, dass Anf&#xFC;hrer*innen wie Sheila vor Ort in der Lage waren, unabh&#xE4;ngig und schnell genug zu handeln, um Forderungen durchzusetzen.</p><blockquote>In unseren K&#xE4;mpfen bei Kanada Post hatten wir die politische Position, dass wir nicht zwischen den Arbeiter*innen und dem Chef vermitteln w&#xFC;rden.</blockquote><p>Ein paar Tage sp&#xE4;ter sagte das Management, dass sie in Harjits Akte einen Vermerk eintragen w&#xFC;rden, es jedoch weder eine Suspendierung noch eine K&#xFC;ndigung geben sollte. Wir hatten eine Kostprobe unserer eigenen Macht bekommen.</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/buch/"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Wenn die Luft da oben dick wird]]></title><description><![CDATA[Stefan berichtet von einer direkten Aktion in der Luftfahrtindustrie und wie es sein Verhältnis zu direkten Aktionen bis heute beeinflusst.]]></description><link>https://spuren.cc/wenn-die-luft-da-oben-dick-wird/</link><guid isPermaLink="false">6435541394d72e8e6d548fa5</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:28 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1628354215124-dd0ab72828ac?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=MnwxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDIxfHxhdmlhdGlvbnxlbnwwfHx8fDE2ODEyMTY2NzA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/11WenndieLuftdaobendickwird_thumb.jpeg" alt="Wenn die Luft da oben dick wird" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z"/></svg></div><div class="kg-audio-player-container"><audio src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/11WenndieLuftdaobendickwird.mp3" preload="metadata"></audio><div class="kg-audio-title">Den Beitrag anh&#xF6;ren | Gelesen von Jona Larkin White | Quelle: direkteaktion.org/podcast</div><div class="kg-audio-player"><button class="kg-audio-play-icon" aria-label="Play audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z"/></svg></button><button class="kg-audio-pause-icon kg-audio-hide" aria-label="Pause audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><rect x="3" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/><rect x="14" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/></svg></button><span class="kg-audio-current-time">0:00</span><div class="kg-audio-time">/<span class="kg-audio-duration">230.79183673469387</span></div><input type="range" class="kg-audio-seek-slider" max="100" value="0"><button class="kg-audio-playback-rate" aria-label="Adjust playback speed">1&#xD7;</button><button class="kg-audio-unmute-icon" aria-label="Unmute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z"/></svg></button><button class="kg-audio-mute-icon kg-audio-hide" aria-label="Mute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z"/></svg></button><input type="range" class="kg-audio-volume-slider" max="100" value="100"></div></div></div><img src="https://images.unsplash.com/photo-1628354215124-dd0ab72828ac?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=MnwxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDIxfHxhdmlhdGlvbnxlbnwwfHx8fDE2ODEyMTY2NzA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Wenn die Luft da oben dick wird"><p>Dass es laut und die Luft nicht die Beste ist, daran hatten wir uns gew&#xF6;hnt. Und eigentlich war es f&#xFC;r eine Werkhalle in der Luftfahrtindustrie auch relativ sauber und die Belastungen nicht best&#xE4;ndig hoch.</p><p>Wir fertigten zu dieser Zeit Rumpfteile f&#xFC;r Langstreckenflugzeuge. Die Teile hatten gewisse Ausma&#xDF;e, so arbeiteten wir auf 2-st&#xF6;ckigen Bauvorrichtungen. Die obere Plattform war ca. 2,50 m &#xFC;ber dem Boden. In einem Seitenteil unserer Halle wurden metallische Bauteile galvanisiert, d. h. durch chemische Prozesse wie Tauchb&#xE4;der und W&#xE4;rmebehandlungen korrosionsbest&#xE4;ndig gemacht. Eines Tages beschloss die Betriebsleitung diese galvanische Abteilung in einen Neubau zu verlegen und den bisherigen Bereich zu sanieren. Wegen der hohen Schadstoffbelastung des Bodens geh&#xF6;rten zu der Sanierung umfangreiche Erdaushebungen.</p><p>Wir gingen also an dem Tag unserer Arbeit nach, als wir starken Motorenl&#xE4;rm vernahmen. Wir schauten nicht schlecht, als LKWs den Hauptgang der Halle benutzten, um das ausgehobene Erdreich abzutransportieren. Wie gesagt, Flugzeugbau ist auch manchmal laut, dass st&#xF6;rte uns erst einmal nicht allzu sehr. Aber der Tag schritt voran und wir bemerkten eine deutliche Verschlechterung der Luft. Die Dieselabgase der schweren Baulastwagen stiegen unter die Decke und nahmen uns die Luft!</p><p>Ich war zu der Zeit noch ein junger Mann und gerade mit meiner Facharbeiterausbildung fertig. So wusste ich noch nicht genau, &#x201E;wie der Hase l&#xE4;uft&#x201C;. Das wurde mir dann von den &#x201E;alten Hasen&#x201C; eindrucksvoll gezeigt.</p><p>Ein Kollege, langj&#xE4;hriger Gewerkschaftsvertrauensmann, kam von der Nachbarvorrichtung her&#xFC;ber. &#x201E;Wir lassen jetzt alle sofort das Werkzeug liegen. Die spinnen wohl, uns hier zu verpesten!&#x201C; Das war eine Ansage und so gingen wir mit allen Kollegen (Kolleginnen gab es leider zu der Zeit nicht in unserer Abteilung) zum Betriebsrat. Bevor wir losgingen, wurde in einer kurzen Diskussion gemeinsam festgelegt, was wir wollen. &#x201E;Wir gehen da nicht weg, bis der LKW- Verkehr aufh&#xF6;rt und wir wieder atmen k&#xF6;nnen!&#x201C; &#x201E;Genau, die sollen mal genug Kaffee kochen!&#x201C; Die Stimmung l&#xF6;ste sich durch solch lustigen Ausspr&#xFC;che. Ich wei&#xDF; noch, wie sich ein Gef&#xFC;hl der St&#xE4;rke bei mir breit machte. Das hatte ich mit meinen damals 20 Jahren noch nicht erlebt.</p><p>Guten Mutes &#x201E;enterten&#x201C; wir das Betriebsratsb&#xFC;ro. Dort fanden wir sehr schnell Verb&#xFC;ndete f&#xFC;r unser Anliegen und es wurden hektisch Telefonate gef&#xFC;hrt. Ca. 30 Minuten sp&#xE4;ter kam ein Betriebsratsmitglied zu uns, um das Ergebnis mitzuteilen. &#x201E;So Leute. Die LKW fahren vormittags nicht mehr, die Arbeiten m&#xFC;ssen dann nachmittags erledigt werden. Trinkt ruhig noch in Ruhe den Kaffee aus. Ich nehme mir jetzt auch einen.&#x201C;</p><p>Wir feierten quasi unseren Erfolg. Und es wurde viel gescherzt und gelacht. 15 Minuten sp&#xE4;ter nahmen wir die Arbeit wieder auf. Kein LKW zu sehen und die gro&#xDF;en Hallentore standen zur L&#xFC;ftung sogar weit offen.</p><p>Mich hat diese Aktion sehr beeindruckt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von direkter Aktion geh&#xF6;rt. Erst sp&#xE4;ter, mit mehr Erfahrung, ist mir bewusst geworden, wie wirkungsvoll das war, was wir damals taten.</p><p>Nun bin ich selber in den Betriebsrat gew&#xE4;hlt worden. Und seither versuche ich, Kolleg*innen zu animieren, die allt&#xE4;glichen Probleme mit direkten Aktionen anzugehen. Wir haben es selber in der Hand!</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/spuren-der-arbeit-buch/" rel="noreferrer"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Die Stellung halten: Informeller Takt am Arbeitsplatz]]></title><description><![CDATA[Juan Conatz schreibt über die Schwierigkeiten die eine*m bei der Organisierung am Arbeitsplatz begegnen und wie man sie konfrontiert.]]></description><link>https://spuren.cc/die-stellung-halten-informeller-takt-am-arbeitsplatz/</link><guid isPermaLink="false">64143f80f0b34a317f887496</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><dc:creator><![CDATA[Juan Conatz]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:12 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1603129927228-79965ede0115?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDE3M3x8RGVsaXZlcnl8ZW58MHx8fHwxNjkyOTk0MDA2fDA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/03DieStellunghalten_thumb.jpeg" alt="Die Stellung halten: Informeller Takt am Arbeitsplatz" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 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schwer.&#x201C;</blockquote><p>Diese Einstellung zieht sich durch alle Branchen und Sektoren.</p><p>Selbst Leute in offiziell gewerkschaftlich organisierten Betrieben, die unbearbeitete Missst&#xE4;nde haben, haben oft eine solche Einstellung.</p><p>Aber w&#xE4;hrend deine vorgefassten Vorstellungen davon, was Organisierung am Arbeitsplatz mit sich bringt, mit den Hindernissen, an die du denkst, kollidieren k&#xF6;nnen, passen andere Dinge, die an deinem Arbeitsplatz vor sich gehen, perfekt zu dem, was wir gemeinhin &#x201E;Arbeitskampf&#x201C; nennen. Tempo-Verlangsamung, Dienst nach Vorschrift und Festlegung eines bestimmten Takts sind alles Taktiken, die Arbeiter*innen in Reaktion darauf angewandt haben, dass das Management Dinge tut und sagt, die uns nicht zusagen. Heutzutage scheinen unsere Kolleg*innen diese Dinge immer nur als Einzelpersonen tun, aber wenn es sich dar&#xFC;ber hinaus ausweitet &#x2026; nun, dann entsteht die M&#xF6;glichkeit, tats&#xE4;chlich etwas zu erreichen.</p><h3 id="hintergrund">Hintergrund</h3><p>Anfang 2010 arbeitete ich in einem Lagerhaus in Iowa City als Gabelstaplerfahrer. Den Gro&#xDF;teil des Tages verbrachte ich auf der Versandseite des Geb&#xE4;udes, wo ich Paletten von den Produktionslinien holte und sie in einem anderen Bereich bereitstellte, damit sie schlie&#xDF;lich auf LKWs verladen werden konnten. Ich verbrachte auch viel Zeit damit, diese LKWs zu beladen.</p><p>Meistens beschr&#xE4;nkte sich meine Interaktion mit Kollegen auf den anderen Gabelstaplerfahrer, den Vorarbeiter beim Versand und 2-3 Aushilfskr&#xE4;fte, die einen Palettenheber benutzten, um Paletten f&#xFC;r mich abzuliefern.</p><p>Der Vorarbeiter beim Versand, Phil, war im Grunde eine &#x201E;Leitungsfigur&#x201C;, die selbst wenig Macht hatte. Die Macht, die er hatte, war meist eine Art Spitzelmacht, da er direkt dem Lagerleiter unterstellt war. Phil war Mitte 40 und ein Opfer der schlechten Wirtschaftslage. Er war k&#xFC;rzlich in einer Fabrik entlassen worden, die Teile f&#xFC;r General Motors herstellte.</p><p>Der andere Typ, mit dem ich haupts&#xE4;chlich zusammenarbeitete, Bill, war ein Ende 30-j&#xE4;hriger, lebenslanger Fabrik- und Lagerarbeiter, der auch Farmer war. Er war einer dieser Typen, denen man ansah, dass sie sich selbst f&#xFC;r sehr jung geblieben hielten. Er war ein harter Trinker, redete gerne Unmengen von Schei&#xDF;e (besonders gegen&#xFC;ber dem Management) und war bei fast allen beliebt, auch beim Management. Das Management mochte ihn nicht nur, sondern f&#xFC;hlte sich auch ein wenig unwohl in seiner N&#xE4;he, da seine &#xE4;tzende Art zu interagieren oft direkt den euphemismusbeladenen Firmenjargon und das Gerede des Managements von heute entgegenstand.</p><p>Phil, Bill und ich waren ein ziemlich gutes Team. Bill und ich teilten uns die Arbeit ziemlich gleichm&#xE4;&#xDF;ig auf und wechselten uns sogar bei den verschiedenen Routinen ab, damit es nicht langweilig wurde, immer wieder dasselbe zu tun. Phil machte sich die M&#xFC;he, alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um uns die Arbeit so leicht wie m&#xF6;glich zu machen. Er half uns sogar, wenn wir in R&#xFC;ckstand gerieten, und sprang f&#xFC;r uns ein, wenn wir zu sp&#xE4;t kamen oder zur Tankstelle rennen mussten, um etwas zu holen (ein gro&#xDF;es firmenpolitisches Tabu).</p><h3 id="erh%C3%B6hte-%C3%BCberstunden">Erh&#xF6;hte &#xDC;berstunden</h3><p>Als die Firma anfing, 10-15 &#xDC;berstunden pro Woche zu verlangen, begannen wir den Tag damit, herauszufinden, was von jedem von uns erledigt werden musste, damit wenigstens ein oder zwei von uns fr&#xFC;her gehen konnten. Und als die Firma begann, uns zu 18&#xBD;-Stunden-Schichten zu dr&#xE4;ngen, wechselten Bill und ich uns ab. Aber w&#xE4;hrend wir eine gewisse Unabh&#xE4;ngigkeit in unserer T&#xE4;tigkeit hatten, mangelte es den &#x201E;Vorarbeiter*innen&#x201C;, die bei der Firma angestellt waren und die Einrichtung, den Papierkram und die Leitung der Linien, an denen die zahlreichen Aushilfen arbeiteten, &#xFC;bernahmen, an einer solchen. Einige von ihnen wurden unter Druck gesetzt, 90-Stunden-Wochen zu arbeiten.</p><p>W&#xE4;hrend einige der alleinstehenden Jungs kein Problem damit hatten und mit ihren gr&#xF6;&#xDF;eren Gehaltsschecks als &#xFC;blich prahlten und sich darauf freuten, waren &#xE4;ltere Vorarbeiter*innen und solche mit Familien gestresst.</p><p>Da das Lager nicht in Fu&#xDF;n&#xE4;he zu meinem Wohnort lag und das Bussystem nicht sehr sp&#xE4;t fuhr, fuhren mich einige meiner Kolleg*innen nach Hause. Ich erinnere mich, dass eine der Vorarbeiterinnen wegen der vielen Stunden einem Nervenzusammenbruch nahe war. Einmal brach sie auf halbem Weg zu mir nach Hause fast in Tr&#xE4;nen aus. Der Rest von uns war viel angespannter und merklich ersch&#xF6;pfter als sonst.</p><p>Einige der anderen, &#xE4;lteren Gabelstaplerfahrer schienen sich jedoch nicht an den Stunden zu st&#xF6;ren. Sicher, sie waren genervt &#x2026; aber sie hinkten auch beim Gehen. Wenn du jemals in Fabriken oder Lagern gearbeitet hast, hast du wahrscheinlich bemerkt, dass es Leute gibt, die das haben, was ich das &#x201E;Fabrikhinken&#x201C; nenne. Es ist etwas, das man vom Fahren eines Gabelstaplers oder vom jahrelangen Stehen auf Beton bekommt, ebenso wie die unvermeidlichen Verletzungen und die langfristige Belastung, die solche Arbeiten f&#xFC;r den K&#xF6;rper bedeuten. Viele Leute in der Industrie &#xFC;ber 40 scheinen es zu haben. Meiner Erfahrung nach haben diese Leute so lange in solchen Jobs gearbeitet, dass sie sich an den ganzen Mist gew&#xF6;hnt haben und ihre Situation widerwillig akzeptieren und jede Kritik daran abwehren, weil sie nicht einmal dar&#xFC;ber nachdenken wollen. Warum sollte man sich mit etwas aufhalten, das man nicht &#xE4;ndern kann?</p><h3 id="produktivit%C3%A4tssteigerung-unsere-tempovorgabe">Produktivit&#xE4;tssteigerung &amp; unsere Tempovorgabe</h3><p>W&#xE4;hrend unsere Arbeitsstunden zunahmen, installierte die Firma auch Kameras und holte Leute aus anderen Abteilungen der Firma, um uns bei der Arbeit zu beobachten. Diese Leute erhielten den Auftrag herauszufinden, wie wir schneller arbeiten konnten. Im Grunde war es ihre Aufgabe, so viel Produktivit&#xE4;t wie m&#xF6;glich aus uns herauszuquetschen. Die meisten Anlagen, die liefen, waren bereits auf exakte Geschwindigkeiten &#x201E;abgestimmt&#x201C;, bis hin zu der Frage, wie schnell die F&#xF6;rderb&#xE4;nder liefen. Bill und ich hatten schon Erfahrung mit diesem Abschaum, also einigten wir uns darauf, ein Tempo einzuschlagen, das weit unter dem lag, von dem wir wussten, dass wir es schaffen konnten. In der Hoffnung, dass, egal auf welches Tempo es erh&#xF6;ht wurde, es immer noch unter oder um das herum liegen w&#xFC;rde, was wir bew&#xE4;ltigen konnten.</p><p>Offenbar wussten diese Tempomacher das irgendwie und unser Plan funktionierte nicht. Tats&#xE4;chlich schien er nach hinten loszugehen, da Phil gegen seinen Willen in eine andere Schicht versetzt wurde und ein Typ, der j&#xFC;nger war als wir alle drei, ihn ersetzte.</p><p>Lasst mich euch etwas &#xFC;ber junge Leute sagen, die in Vorarbeiter- oder Managementpositionen eingesetzt werden. Es gibt eigentlich nur zwei Typen. Es gibt den klugen, h&#xF6;chstwahrscheinlich akademisch gebildeten Kerl, der das Gef&#xFC;hl hat, dass er irgendwann einen besseren Job bekommen wird. Er versucht in der Regel nicht, dir zu sehr auf die Nerven zu gehen und dich in Super-Arbeiter*innen-Form zu bringen.</p><p>Dann gibt es den nicht so schlauen Typen, der denkt, er sei ein Superarbeiter und wisse alles. In Wirklichkeit ist er vielleicht schnell, aber die Fehler, die er auf seinem Weg macht, machen seine</p><p>Schnelligkeit obsolet. Der einzige Grund, warum er in eine dieser Positionen kommt, ist seine Arschkriecherei, seine Neigung zum Schleimen oder seine Bereitschaft, Leute schnell zu verraten. Diese Person stellt sich routineweise auf die Seite des Managements. Dieser neue Typ, Jesse, passte genau in diese Form.</p><p>In der ersten Woche als Vorarbeiter beim Versand versuchte Jesse, Bill und mir mitzuteilen, dass sich die Anzahl der LKWs, die wir beladen sollten, verdoppeln w&#xFC;rde. Genau in diesem Moment wurde uns klar, dass wir den Schrittmachern nichts vorgemacht hatten und auch dass sie jemanden eingestellt hatten, von dem sie glaubten, er w&#xFC;rde diese neuen Anforderungen durchsetzen.</p><p>Bill und ich sprachen wieder dar&#xFC;ber, unser eigenes Tempo festzulegen, dieses Mal allerdings nicht so niedrig. Auf jeden Fall war die Menge an LKWs, die wir jetzt beladen sollten, einfach nicht machbar. Selbst wenn wir mit halsbrecherischer Geschwindigkeit arbeiteten und verschiedene Sicherheitsma&#xDF;nahmen auslie&#xDF;en, war es schlicht nicht m&#xF6;glich.</p><p>Also legten wir die Anzahl der Trucks fest, die wir jeden Tag abarbeiteten, und so machten wir es auch. Jesse ging uns immer wieder auf die Nerven, aber die Menge an Beschimpfungen, die Bill ihm gegen&#xFC;ber austeilte, beendete das. Eine typische Interaktion verlief folgenderma&#xDF;en:</p><blockquote>Jesse: &#x201E;Ihr m&#xFC;sst einen Zahn zulegen, Jungs. Wir haben nach dem Mittagessen noch neun weitere Trucks zu erledigen.&#x201C;</blockquote><blockquote>Ich: &#x201E;Nun, das wird nicht passieren. Das ist unm&#xF6;glich.&#x201C;</blockquote><blockquote>Bill: &#x201E;Hey, Wichser, wenn du willst, dass der Schei&#xDF; erledigt wird, wie w&#xE4;r&apos;s, wenn du deinen Finger aus dem Arsch nimmst und dann deinen fetten Arsch bewegst und uns hilfst?!&#x201C;</blockquote><blockquote>Jesse: &#x201E;Das ist nicht mein Job.&#x201C;</blockquote><blockquote>Bill: &#x201E;Das ist nicht dein Job? Was ist es dann? Ein fetter Schwanzlutscher zu sein, der st&#xE4;ndig meckert? Verpiss dich von den Docks und lass uns arbeiten!&#x201C; Obwohl ich mich normalerweise nicht daran beteiligte, musste ich nat&#xFC;rlich immer wieder lachen, und es ist unn&#xF6;tig zu sagen, dass wir schlie&#xDF;lich vom Management angesprochen wurden.</blockquote><p>Ein paar Tage lang lie&#xDF;en uns Jesse und seine Vorgesetzten in Ruhe. Und dann war Jesse, etwas aus heiterem Himmel, tats&#xE4;chlich nett zu uns und lud uns sogar zum Mittagessen ein. Ich nehme an, dass die ihm von oben einige Standard-Management-Techniken beigebracht haben, wie man mit ver&#xE4;rgerten Kolleg*innen umgeht, indem man ein freundliches Gesicht aufsetzt usw. Es ist der alte Trick: Versuch, durch freundliche Handlungen Sympathie und Dankbarkeit zu erlangen, und die Kolleg*innen werden eher gewillt sein, deinen W&#xFC;nschen zu folgen. Die meisten kleinen Unternehmen, f&#xFC;r die ich gearbeitet habe, sind dieser Strategie gefolgt. Sollte es ihm jedoch darum gegangen sein, uns dazu zu bringen, h&#xE4;rter zu arbeiten und diese neue Quote zu erf&#xFC;llen, ist er damit jedoch gescheitert.</p><p>Gratis-Pizza hin oder her, wir mussten jetzt viel mehr Stunden arbeiten. Wir waren mittlerweile bei bis zu 85 Stunden pro Woche, wie viele andere auch. Mich pers&#xF6;nlich machte das langsam kaputt. Kaum Schlaf oder freie Tage f&#xFC;hrten dazu, dass ich beim Autofahren begann, im Augenwinkel Bewegungen und schlie&#xDF;lich sogar Menschen wahrzunehmen. Wenn ich meinen Kopf nach links oder rechts drehte, war jedoch nichts zu sehen.</p><h3 id="organizing-training-und-ein-%E2%80%9Eflammender-abgang%E2%80%9C">Organizing-Training und ein &#x201E;flammender Abgang&#x201C;</h3><p>Genau zu dieser Zeit nutzte ich mein erstes freies Wochenende seit drei Wochen und fuhr in die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metropolregion_Minneapolis&#x2013;Saint_Paul">Twin Cities</a>. Durch meine Mitgliedschaft in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_ArbeiterInnen-Assoziation">Workers Solidarity Alliance</a> kannte ich einige Leute bei den IWW und fand heraus, dass es ein <a href="https://spuren.cc/glossar/#ot101-%E2%80%93-organizerinnen-training-101-%E2%80%9Abaue-das-komitee-auf%E2%80%98" rel="noreferrer">Organizing-Training</a> gab. Es stellte sich als wirklich n&#xFC;tzlich heraus, und ich erkannte, dass Bill und ich bereits manche der Dinge umsetzten, die man beim Organizing tut.</p><p>Als ich mit dem zuvor nur vage bekannten Wissen zur&#xFC;ckkam, versuchte ich herauszufinden, wie wir etwas mehr Widerstand gegen die erh&#xF6;hte Stundenzahl und Produktivit&#xE4;t bekommen k&#xF6;nnten. R&#xFC;ckblickend kann ich jedoch erkennen, dass mir die Arbeitsstunden mir zu schaffen machten, ich schlechte Entscheidungen traf und bestimmte M&#xF6;glichkeiten nicht nutzte, die sich boten.</p><p>Beispielsweise brachte Bill w&#xE4;hrend einer Zigarettenpause die Idee auf, eine Petition gegen die Arbeitszeiten und f&#xFC;r die Einstellung von mehr Leuten in Umlauf zu bringen und sie dann auf konfrontative Weise dem Betriebsleiter vorzutragen. Ich versuchte, ihn zu ermutigen, die Ideen umzusetzen, aber im Nachhinein h&#xE4;tte ich versuchen sollen, mich mit ihm au&#xDF;erhalb der Arbeit zu treffen, damit wir uns unterhalten und andere Leute an Bord holen konnten, um das zu schaffen.</p><p>Meine Arbeit wurde immer schlampiger, und dann fing ich an, mit Jesse auf die gleiche Weise konfrontativ zu werden, wie Bill es tat.</p><p>Eines Tages kam ich herein und erfuhr, dass sie Bill und uns getrennt hatten und ich nun in einer Rolle arbeiten w&#xFC;rde, die noch mehr Stunden und weniger freie Tage nach sich ziehen w&#xFC;rde. Ich reagierte &#xE4;u&#xDF;erst unbedacht, explodierte augenblicklich und geriet in einen Schreikampf mit dem Versandleiter. Schlie&#xDF;lich drohte ich damit, den Job hinzuschmei&#xDF;en, was ich auch tat, indem ich ihm sagte, er k&#xF6;nne mich kreuzweise, w&#xE4;hrend ich verschiedene Beleidigungen in Richtung seiner Mutter ausstie&#xDF;.</p><p><strong>Fazit</strong></p><p>Obwohl es bei diesem speziellen Job nie zu formellen Organisierungsbem&#xFC;hungen kam, lernte ich eine ganze Menge. Ich lernte, wie mein eigener intensiver Hass auf meine Arbeitsbedingungen und das Management meine Ziele beeintr&#xE4;chtigen konnte. Das ist etwas, womit ich noch immer zu k&#xE4;mpfen habe. Manchmal lege ich es eher drauf an, eine Schl&#xE4;gerei zu provozieren oder eine denkw&#xFC;rdige Szene zu machen, als einen Weg zu finden, mit meiner Wut auf produktive Weise umzugehen.</p><p>Ich habe auch viel dar&#xFC;ber gelernt, wie wir als Arbeiter*innen oft Teil von dem sind, was Stan Weir &#x201E;informelle Arbeitsgruppen&#x201C; nannte. Wir finden unsere eigenen Wege, um uns zusammenzuschlie&#xDF;en und uns dem zu widersetzen, was das Management von uns will. Und obwohl sich die Arbeiter*innenklasse seit jener Zeit, als Streiks und Gegenwehr ziemlich &#xFC;blich waren, in vielerlei Hinsicht ver&#xE4;ndert hat, wird es immer einen nat&#xFC;rlichen Drang geben, sich dagegen zu wehren. Diese &#x201E;informellen Arbeitsgruppen&#x201C; sind die Bausteine f&#xFC;r Solidarit&#xE4;t und formale Organisierungskampagnen. Dies zu erkennen und zu nutzen, kann unseren Bem&#xFC;hungen nur zugutekommen, dem t&#xE4;glichen Trott zu entkommen, zu den uns Arbeit und Kapital verpflichten.</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/spuren-der-arbeit-buch/" rel="noreferrer"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Checkliste Kinderbetreuung]]></title><description><![CDATA[<h2 id="kinder-und-politische-veranstaltungen"><strong><u>Kinder und politische Veranstaltungen?</u></strong></h2><p>F&#xFC;r die politische Praxis ist die Sorge um Kinder immer wieder eine Herausforderung: Zeitressourcen sind knapp und mensch fragt sich &#xF6;fter, wie das Plenum oder die politische Aktion mit Kindern vereinbar ist. Politische Veranstaltungen so zu organisieren, dass Menschen mit Kindern (aktiv) dabei</p>]]></description><link>https://spuren.cc/kinderbetreuungsliste/</link><guid isPermaLink="false">64143f80f0b34a317f88749d</guid><category><![CDATA[Ressourcen]]></category><dc:creator><![CDATA[Elisa Baum]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:11 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1605627079912-97c3810a11a4?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDE2fHxDaGlsZHJlbnxlbnwwfHx8fDE2OTI5OTI4NzB8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<h2 id="kinder-und-politische-veranstaltungen"><strong><u>Kinder und politische Veranstaltungen?</u></strong></h2><img src="https://images.unsplash.com/photo-1605627079912-97c3810a11a4?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDE2fHxDaGlsZHJlbnxlbnwwfHx8fDE2OTI5OTI4NzB8MA&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Checkliste Kinderbetreuung"><p>F&#xFC;r die politische Praxis ist die Sorge um Kinder immer wieder eine Herausforderung: Zeitressourcen sind knapp und mensch fragt sich &#xF6;fter, wie das Plenum oder die politische Aktion mit Kindern vereinbar ist. Politische Veranstaltungen so zu organisieren, dass Menschen mit Kindern (aktiv) dabei sein k&#xF6;nnen, ist ein Anfang, um ihnen einen Raum f&#xFC;r politische Praxis zu erm&#xF6;glichen. Wollen wir eine andere Gesellschaft, m&#xFC;ssen wir auch Kinder mitdenken.</p><h3 id="1-eine-passende-uhrzeit"><strong>1) Eine passende Uhrzeit?</strong></h3><p>Wenn ihr eine passende Uhrzeit sucht, sprecht mit den Teilnehmenden, wenn ihr k&#xF6;nnt:</p><p>1) Haben Menschen in Lohnarbeit, mit Kindern, mit Pfleget&#xE4;tigkeiten oder anderen wichtigen Dingen alle unterschiedliche Zeitpl&#xE4;ne.</p><p>2) Selbst unter Menschen mit Kindern: Allgemeing&#xFC;ltige Zeiten sind schwer: Jedes Kind ist anders. Tendenziell k&#xF6;nnt ihr aber mitdenken, dass:</p><ul><li>Ab 18:00/18:30 Uhr beginnt potenziell Abendbrot und ins Bett-Geh-Zeit. Das k&#xF6;nnte einige Zeit dauern. Kann aber auch ganz anders sein.</li><li>Wochenenden sind oft eine Herausforderung, weil Kids zu Hause sind. Mal eine Veranstaltung geht aber oft (beste Zeit: 9/10 Uhr bis 17 Uhr)</li><li>Viele Eltern teilen sich die Wochentage auf, sodass es feste Tage (und Abende) ohne und mit Kind gibt. Am besten, ihr fragt nach.</li></ul><p>Mit Kindern und Lohnarbeit l&#xE4;sst sich also kaum eine perfekte Zeit finden.</p><p>(Gerade bei regelm&#xE4;&#xDF;igen Treffen bieten sich daher wechselnde Zeitfenster und eventuell Wochentage an: z. B. Dienstag 18&#x2013;20 Uhr, Freitag 10&#x2013;12 Uhr oder Samstag 10&#x2013;12 Uhr.)</p><p>&#x2192; Es kann zudem immer sein, dass kurzfristig etwas dazwischen kommt. Eine Dokumentation von Veranstaltungen ist daher oft hilfreich.</p><h3 id="2-kinderbetreuung"><strong>2) Kinderbetreuung</strong></h3><p>Abgesehen von der Kita- und Schulzeit sowie der abendlichen Primetime k&#xF6;nnen die Kids aber nat&#xFC;rlich auch dabei sein. <strong><u>Was braucht ihr daf&#xFC;r?</u></strong></p><ul><li>Outdoor: ein Spielplatz in der N&#xE4;he ist super: Die kleinen k&#xF6;nnen buddeln, die gro&#xDF;en Klettern und Babys herumgetragen werden</li><li>indoor: eine Decke, Stifte, Papier, Schere und Leim, Puzzle, Zeug zum Bauen (z.b. Duplo oder Lego) &#x2013; mega: <strong>ein gemeinsames Projekt </strong>(z. B. das Bauen einer Bude aus alten Kartons oder &#xE4;hnliches. Ein gemeinsames Projekt kann auch kochen oder einkaufen sein.)</li><li>Gro&#xDF;artig sind min. zwei Personen (all Gender, da manche Kids auf Cis-M&#xE4;nner mit mehr Distanz reagieren, sind unterschiedliche gender g&#xFC;nstig) Wie das so mit Sympathien ist, mag nicht jedes Kind jede Betreuungsperson, Auswahl erh&#xF6;ht die Akzeptanz.</li><li>Versorgt Euch au&#xDF;erdem gut mit Essen oder Snacks (siehe Tipps Essen)</li></ul><h3 id="einige-grunds%C3%A4tzliche-hinweise"><strong><u>Einige grunds&#xE4;tzliche Hinweise:</u></strong></h3><blockquote>Mit Babys und Kleinkindern klappt es ohne die Eltern unterschiedlich gut &#x2013; oft hilft es, in einem anderen Raum als die Bezugspersonen zu sein.</blockquote><ul><li>mit Babys und Kleinkindern klappt es ohne die Eltern unterschiedlich gut &#x2013; oft hilft es, in einem anderen Raum als die Bezugspersonen zu sein</li><li>gebt Kindern Orientierung, wie der Tag abl&#xE4;uft: wann gibt es Essen, wann geht ihr raus, wann wechseln vielleicht Betreuungspersonen</li><li>aber auch, wo ist das Klo, was zu trinken und die Bezugspersonen</li><li>gebt auch den Bezugspersonen Orientierung (z. B. eine Telefonnummer und Namen der Betreuungspersonen)</li><li>akzeptiert die Erziehungsmethoden der Eltern und stellt sie nicht infrage</li><li>es gibt immer wieder Kids, die einen ausgepr&#xE4;gten eigenen Kopf haben und/oder in ihrer eigenen Welt sind. Ihr werden schnell merken, wer das ist (auch wenn es manchmal die Ruhigen sind). In dem Fall: lieber &#xF6;fter schauen, wo sie sind (sonst k&#xF6;nnte schnell Panik entstehen).</li><li>Kinder merken ziemlich gut, ob Ihr Bock habt, mit ihnen Zeit zu verbringen, ihnen zuzuh&#xF6;ren oder mit ihnen zu spielen (wenn ihr eine Pause braucht, sorgt lieber f&#xFC;r Abl&#xF6;sung)</li><li>bietet grunds&#xE4;tzlich Kinderbetreuung an (Barrierearm)</li><li>solltet ihr eine gr&#xF6;&#xDF;ere Veranstaltung mit Referent*innen usw. planen &#x2013; bezahlt die Betreuungspersonen genauso wie die Referent*innen (Das ist auch Arbeit!) Falls ihr Antr&#xE4;ge stellt, plant auch da diese Posten ein.</li><li>Fragt die Bezugspersonen, nach Alter, Essen, Hobbys und Herausforderungen</li><li>bittet um ausreichend Windeln, Wechselklamotten</li><li>Betreuungsschl&#xFC;ssel: je nach Erfahrung und Alter der Kids: 1:1 ist nicht zwingend n&#xF6;tig, aber 1:4 auch schon anspruchsvoll</li></ul><p><strong>&#x2192; Achtet auf Grenzen von Kindern und eventuellen Zeichen f&#xFC;r ihre Gef&#xE4;hrdung (</strong><a href="https://www.kinderschutz-zentrum-berlin.de/bestellungen"><strong>Publikationen hier</strong></a><strong>)</strong></p><h2 id="praktische-hinweise">Praktische Hinweise:</h2><h3 id="1-tipps-spielzeug-co">1) Tipps, Spielzeug &amp; Co:</h3><ul><li>rund um den Spielplatz: Schaufeln und F&#xF6;rmchen, Ball, Springseil</li><li>alles rund ums Basteln: (Bunt)Papier, Schere, Stifte, Leim, Federn usw.</li><li>Alles rund ums Bauen: Holzbausteine, Lego, Duplo usw.</li><li> Alles rund ums Geschichten spielen: Autos, Tiere, Puppen</li><li> alles rund um Rollenspiele: Lustige Dinge zum Verkleiden (H&#xFC;te, Brillen, T&#xFC;cher, Kleider, Hosen)</li><li>Kinderschminke</li><li> alte Kartons zum Bauen von H&#xE4;usern, Traktoren, Bussen, Schiffen, H&#xF6;hlen</li><li>Musik/ H&#xF6;rspiele (gibt es auch politische von Sookee oder dem Gripstheater)</li><li>Tipps Kinderb&#xFC;cher: z. B.: <a href="https://i-paed-berlin.de/wp-content/uploads/intersektionale_kinderbuchliste.pdf">Intersektionale Kinderbuchliste</a></li><li>Vorlagen zum Ausmalen: <a href="https://www.kinder-malvorlagen.com/">https://www.kinder-malvorlagen.com/</a></li><li>Weitere Besch&#xE4;ftigungsideen: <a href="https://www.eltern.de/corona-beschaeftigungsideen">https://www.eltern.de/corona-beschaeftigungsideen</a></li></ul><h3 id="2-tipps-essen-und-kinder">2) Tipps: Essen und Kinder ;-)</h3><blockquote>Habt stets Knabberkram am Start: Reiswaffeln (mit Honig), N&#xFC;sse, Rosinen, &#xC4;pfel, aber auch Kekse (gibt auch Kinderkekse ohne Zucker (manchen Eltern ist sowas wichtig), Allergien.</blockquote><ul><li>habt stets Knabberkram am Start: Reiswaffeln (mit Honig), N&#xFC;sse, Rosinen, &#xC4;pfel, aber auch Kekse (gibt auch Kinderkekse ohne Zucker (manchen Eltern ist sowas wichtig), Allergien</li><li> Wasser (auch mal nachfragen, weil es gern vergessen wird)</li><li>Warmes Essen: Nummer 1: Nudeln (So&#xDF;e extra), bei allen Sachen: fragen und nicht resignieren, wenn es Ablehnung zum vorbereiteten Essen gibt (zur Not noch ein Brot mit Honig oder Butter ;) essen viele Kinder)</li><li>11:30/12:00 Uhr beginnt bei einigen Kindern das Mittagstief: Essen und vielleicht sogar eine Ruhezeit mit coolen B&#xFC;chern</li><li> 14:30/15 Uhr ein kleines Vesper/Nachmittagssnack ist auch mega (je nach Eltern-Stimmung: alle Kinder lieben Eis)</li><li> Packung Feuchtt&#xFC;cher f&#xFC;r Essensreste oder Kacka unterwegs ist immer gut (und kleine Beutel)</li></ul><h2 id="weiterf%C3%BChrende-hinweise"><a href="https://spuren.cc/bevor-du-die-wahl-organisierst/#materialien">Weiterf&#xFC;hrende</a> Hinweise:</h2><h3 id="1-basic-spielzeug-kiste">1) Basic: Spielzeug-Kiste</h3><p>Um konstant eine gute Arbeit und Betreuung zu gew&#xE4;hrleisten und Hindernisse f&#xFC;r Kinderbetreuung abzubauen, schafft Euch doch eine Kiste oder einen Bollerwagen mit einer Decke und Spielzeug an. In Infol&#xE4;den oder offenen Lokalen k&#xF6;nnen politische Gruppen sie bspw. ausleihen.</p><h2 id="2-f%C3%BCr-fortgeschrittene-%E2%80%9Apolitische%E2%80%98-kinderbetreuung">2) F&#xFC;r Fortgeschrittene: &#x201A;Politische&#x2018; Kinderbetreuung</h2><p>(ben&#xF6;tigt mehr Vorbereitung, mehr Zeit)</p><blockquote> Kinder k&#xF6;nnen uns spannende Perspektiven auf die Arbeitsbedingungen ihrer Bezugspersonen, Geschlechterdynamiken oder Rassismus zeigen.</blockquote><p>Auch Kinder leben in unserer Gesellschaft und sp&#xFC;ren die Folgen von Machtstrukturen, Diskriminierung, Ausbeutung und Ausgrenzung oftmals. Sie k&#xF6;nnen uns spannende Perspektiven auf die Arbeitsbedingungen ihrer Bezugspersonen, Geschlechterdynamiken oder Rassismus zeigen. Je nach Thema k&#xF6;nnen wir mit Kindern ab drei Jahren kurze Gespr&#xE4;che dar&#xFC;ber f&#xFC;hren und ab sechs Jahren auch konkret daran arbeiten. Die Eltern sollten jedoch zuvor gefragt werden, wie sie das einsch&#xE4;tzen und ob sie das m&#xF6;chten. Mit den Konsequenzen (Fragen,Irritation usw.) m&#xFC;ssen sie schlie&#xDF;lich umgehen.</p><h3 id="m%C3%B6gliche-projekte">M&#xF6;gliche Projekte:</h3><ul><li>Bilder zum Thema malen oder basteln und eine Ausstellung machen</li><li>Kinder interviewen Leute der Veranstaltung in der Pause</li><li> Kinderplenum (super zum &#xDC;ben von Zuh&#xF6;ren, gemeinsam entscheiden, Konsens finden)</li><li>eigene Zeitung zum Thema herstellen (eher f&#xFC;r Tages- oder Wochenendveranstaltungen)</li></ul><h2 id="literatur">Literatur:</h2><ul><li>Annika Mecklenbrauck / Lukas B&#xF6;ckmann (Hg.): <a href="https://www.ventil-verlag.de/titel/1553/the-mamas-and-the-papas">The Mamas and the Papas. Reproduktion, Pop &amp; widerspenstige Verh&#xE4;ltnisse</a>, ventil Verlag 2017.</li><li>Almut Birken, Nicola Eschen (Hg.): <a href="https://unrast-verlag.de/produkt/links-leben-mit-kindern/">Links leben mit Kindern. Care Revolution zwischen Anspruch und Wirklichkeit</a>, Unrast Verlag 2020.</li><li>Maya Dolderer:  O Mother, Where Art Thou?: <a href="https://www.dampfboot-verlag.de/shop/artikel/o-mother-where-art-thou-">(Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und M&#xFC;tterlichkeit</a>, Westf&#xE4;lisches Dampfboot 2018.</li></ul><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Sexuelle Belästigung]]></title><description><![CDATA[Grace Parker beschreibt ihre Erfahrungen in einem Spirituosen-Geschäft und der Solidarität ihrer Kolleginnen.]]></description><link>https://spuren.cc/sexuelle-belaestigung/</link><guid isPermaLink="false">643557d294d72e8e6d548fdd</guid><category><![CDATA[Geschichten]]></category><category><![CDATA[Kampagnenberichte]]></category><dc:creator><![CDATA[Grace Parker]]></dc:creator><pubDate>Tue, 16 Apr 2024 07:30:05 GMT</pubDate><media:content url="https://images.unsplash.com/photo-1533922922960-9fceb9ef4733?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDF8fExpcXVvUiUyMHN0b3JlfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5Mjk3NXww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" medium="image"/><content:encoded><![CDATA[<div class="kg-card kg-audio-card"><img src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/Sexuelle-Belaestigung_thumb.jpeg" alt="Sexuelle Bel&#xE4;stigung" class="kg-audio-thumbnail"><div class="kg-audio-thumbnail placeholder kg-audio-hide"><svg width="24" height="24" fill="none"><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M7.5 15.33a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0ZM15 13.83a.75.75 0 1 0 0 1.5.75.75 0 0 0 0-1.5Zm-2.25.75a2.25 2.25 0 1 1 4.5 0 2.25 2.25 0 0 1-4.5 0Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M14.486 6.81A2.25 2.25 0 0 1 17.25 9v5.579a.75.75 0 0 1-1.5 0v-5.58a.75.75 0 0 0-.932-.727.755.755 0 0 1-.059.013l-4.465.744a.75.75 0 0 0-.544.72v6.33a.75.75 0 0 1-1.5 0v-6.33a2.25 2.25 0 0 1 1.763-2.194l4.473-.746Z"/><path fill-rule="evenodd" clip-rule="evenodd" d="M3 1.5a.75.75 0 0 0-.75.75v19.5a.75.75 0 0 0 .75.75h18a.75.75 0 0 0 .75-.75V5.133a.75.75 0 0 0-.225-.535l-.002-.002-3-2.883A.75.75 0 0 0 18 1.5H3ZM1.409.659A2.25 2.25 0 0 1 3 0h15a2.25 2.25 0 0 1 1.568.637l.003.002 3 2.883a2.25 2.25 0 0 1 .679 1.61V21.75A2.25 2.25 0 0 1 21 24H3a2.25 2.25 0 0 1-2.25-2.25V2.25c0-.597.237-1.169.659-1.591Z"/></svg></div><div class="kg-audio-player-container"><audio src="https://spuren.cc/content/media/2024/02/Sexuelle-Belaestigung.mp3" preload="metadata"></audio><div class="kg-audio-title">Den Beitrag anh&#xF6;ren | Gelesen von Jona Larkin White | Quelle: direkteaktion.org/podcast</div><div class="kg-audio-player"><button class="kg-audio-play-icon" aria-label="Play audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M23.14 10.608 2.253.164A1.559 1.559 0 0 0 0 1.557v20.887a1.558 1.558 0 0 0 2.253 1.392L23.14 13.393a1.557 1.557 0 0 0 0-2.785Z"/></svg></button><button class="kg-audio-pause-icon kg-audio-hide" aria-label="Pause audio"><svg viewbox="0 0 24 24"><rect x="3" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/><rect x="14" y="1" width="7" height="22" rx="1.5" ry="1.5"/></svg></button><span class="kg-audio-current-time">0:00</span><div class="kg-audio-time">/<span class="kg-audio-duration">1065.1167346938776</span></div><input type="range" class="kg-audio-seek-slider" max="100" value="0"><button class="kg-audio-playback-rate" aria-label="Adjust playback speed">1&#xD7;</button><button class="kg-audio-unmute-icon" aria-label="Unmute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M15.189 2.021a9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h1.794a.249.249 0 0 1 .221.133 9.73 9.73 0 0 0 7.924 4.85h.06a1 1 0 0 0 1-1V3.02a1 1 0 0 0-1.06-.998Z"/></svg></button><button class="kg-audio-mute-icon kg-audio-hide" aria-label="Mute"><svg viewbox="0 0 24 24"><path d="M16.177 4.3a.248.248 0 0 0 .073-.176v-1.1a1 1 0 0 0-1.061-1 9.728 9.728 0 0 0-7.924 4.85.249.249 0 0 1-.221.133H5.25a3 3 0 0 0-3 3v2a3 3 0 0 0 3 3h.114a.251.251 0 0 0 .177-.073ZM23.707 1.706A1 1 0 0 0 22.293.292l-22 22a1 1 0 0 0 0 1.414l.009.009a1 1 0 0 0 1.405-.009l6.63-6.631A.251.251 0 0 1 8.515 17a.245.245 0 0 1 .177.075 10.081 10.081 0 0 0 6.5 2.92 1 1 0 0 0 1.061-1V9.266a.247.247 0 0 1 .073-.176Z"/></svg></button><input type="range" class="kg-audio-volume-slider" max="100" value="100"></div></div></div><img src="https://images.unsplash.com/photo-1533922922960-9fceb9ef4733?crop=entropy&amp;cs=tinysrgb&amp;fit=max&amp;fm=jpg&amp;ixid=M3wxMTc3M3wwfDF8c2VhcmNofDF8fExpcXVvUiUyMHN0b3JlfGVufDB8fHx8MTY5Mjk5Mjk3NXww&amp;ixlib=rb-4.0.3&amp;q=80&amp;w=2000" alt="Sexuelle Bel&#xE4;stigung"><p>Meine erste gr&#xF6;&#xDF;ere Erfahrung mit sexueller Bel&#xE4;stigung am Arbeitsplatz machte ich mit siebzehn Jahren in einem mexikanischen Restaurant. Einer der Manager, ein Mitglied der Familie, der das Restaurant geh&#xF6;rte, griff meiner sechzehnj&#xE4;hrigen Kollegin hinten in die Hose hinein. Sie und ich konfrontierten den Hauptmanager gemeinsam, und er reagierte, indem er dem &#xFC;bergriffigen Manager zwei Wochen bezahlten Urlaub gab. Nach zwei Wochen war er zur&#xFC;ck und arbeitete immer noch in denselben Schichten mit der Kollegin, die er angegriffen hatte. Wir organisierten einen Marsch hin zum Chef, den ersten, den ich je unternommen hatte, und gingen mit zwei weiteren unserer Kolleg*innen zur&#xFC;ck zum Hauptmanager. Wir verlangten, dass der &#xFC;bergriffige Manager gefeuert wurde, aber stattdessen &#xE4;nderte der Chef den Dienstplan meiner Kollegin, damit sie nicht in derselben Schicht arbeiten musste wie der Mann, der sie angegriffen hatte. Das war zwar nicht gerade ein Sieg, aber immer noch besser als nichts. Das war zwei Jahre, bevor ich der IWW beitrat, und ich war ahnungslos, was den Aufbau von Arbeiter*innenmacht und Ver&#xE4;nderungen am Arbeitsplatz anging. Ich w&#xFC;nschte, ich h&#xE4;tte damals gewusst, was ich heute wei&#xDF;, dann h&#xE4;tten wir mehr zu diesem Thema organisieren k&#xF6;nnen und tats&#xE4;chlich etwas an einem Arbeitsplatz erreichen k&#xF6;nnen, an dem sexuelle Bel&#xE4;stigung die Norm und nicht die Ausnahme war.</p><blockquote>Vier Jahre sp&#xE4;ter fand ich mich wieder in einem Umfeld, in dem sexuelle Bel&#xE4;stigung etwas ist, das man erwarten kann, das &#x201E;einfach zum Job geh&#xF6;rt&#x201C; und das von Chef*innen und Kolleg*innen gleicherma&#xDF;en als unvermeidlich abgetan wird.</blockquote><p>Vier Jahre sp&#xE4;ter fand ich mich wieder in einem Umfeld, in dem sexuelle Bel&#xE4;stigung etwas ist, das man erwarten kann, das &#x201E;einfach zum Job geh&#xF6;rt&#x201C; und das von Chef*innen und Kolleg*innen gleicherma&#xDF;en als unvermeidlich abgetan wird. Dieses Mal war es jedoch anders. Ich hatte den Job zum Zweck des Organizings angenommen und steckte noch in den Anf&#xE4;ngen der Kampagne. Der Laden hie&#xDF; <em>Chicago-Lake Liquors,</em> und sollten schlie&#xDF;lich eine Reihe von Aktionen durchf&#xFC;hren, die in der Massenentlassung von f&#xFC;nf Arbeiter*innen gipfelten, darunter auch ich, als Vergeltung f&#xFC;r einen Marsch auf den Chef, bei dem wir Lohnerh&#xF6;hungen forderten. Als ich anfing, gab es jedoch nur zwei weitere IWW-Mitglieder im Betrieb. Sie machten einige Fortschritte, indem sie mit ihren Kolleg*innen sprachen, Beziehungen aufbauten und sich um Probleme am Arbeitsplatz k&#xFC;mmerten. Allerdings gab es ein Problem: Sie waren beide M&#xE4;nner. Die Belegschaft bei <em>Chi-Lake</em> war unglaublich geschlechtergetrennt, alle Kassiererinnen waren Frauen und alle Lageristen waren M&#xE4;nner. Diese Arbeitsteilung basierte auf zwei beschissenen Ideen des Managements: zum einen, dass Frauen keine schweren Dinge heben k&#xF6;nnen, und zum anderen, dass die Besetzung der Kassen mit jungen, attraktiven Frauen M&#xE4;nner dazu bringen w&#xFC;rde, mehr Alkohol zu kaufen. Es diente auch dazu, die Belegschaft effizient zu spalten. Die Lageristen hatten Beschwerden, mit denen sich die Kassiererinnen nicht identifizieren konnten, und umgekehrt. Es verhinderte, dass sich geschlechter&#xFC;bergreifende Beziehungen bildeten, und das war das Problem, mit dem die beiden Organizer konfrontiert waren, als sie versuchten, ein Komitee zu bilden, das vollst&#xE4;ndig repr&#xE4;sentativ f&#xFC;r den Arbeitsplatz war. An dieser Stelle kam ich ins Spiel.</p><p>Einige kurze Hintergrundinformationen zu <em>Chicago-Lake Liquors</em>: Es geh&#xF6;rt John Wolf, einem Multimillion&#xE4;r, der unglaublich reich aufwuchs, aber das Geld seiner Familie gemieden und stattdessen seinen Reichtum als Sportagent gemacht hat. In den fr&#xFC;hen 2000er Jahren kaufte er Chi-Lake als spa&#xDF;iges Nebenprojekt und als Gelegenheit, es seiner Familie heimzuzahlen, die ebenfalls ein gro&#xDF;es und profitables Spirituosengesch&#xE4;ft in den Twin Cities besa&#xDF;. Der Typ ist ein Idiot erster G&#xFC;te. Unter seiner Leitung wurde Chi-Lake unglaublich erfolgreich und ist heute der umsatzst&#xE4;rkste Spirituosenladen nicht nur in Minnesota, sondern auch in Iowa, Wisconsin und den Dakotas. Der Laden befindet sich in einem der einkommensschw&#xE4;chsten Viertel von Minneapolis, und John Wolf verdient sein Geld, indem er die Alkoholabh&#xE4;ngigkeit von Schwarzen und <em>wei&#xDF;en</em>Menschen sowie von First-Nations, Latinxs und Somalianer*innen aus der Arbeiter*innenklasse ausnutzt, die in der Nachbarschaft leben, sowie die riesige Gemeinschaft von Lumpenproletarier*innen, die an der Kreuzung von Chicago Avenue und Lake Street herumh&#xE4;ngen. Chi-Lake ist bekannt f&#xFC;r seine niedrigen Preise (daher unser Slogan: &#x201E;Gro&#xDF;artiger Ort, um sich einzudecken, schrecklicher Ort, um ein Lagerist zu sein&#x201C;<a href="applewebdata://30842C78-9505-4CE4-8FAB-51BE414BB304#_ftn1"><sup>[1]</sup></a>) und die verr&#xFC;ckte Atmosph&#xE4;re (ein weiterer Slogan: &#x201E;Ich &#xFC;berlebte Chicago-Lake Liquors&#x201C;). Im Inneren des Ladens ist st&#xE4;ndig etwas los, und an einem beliebigen Freitag- oder Samstagabend reicht die Schlange regelm&#xE4;&#xDF;ig bis in die G&#xE4;nge.</p><blockquote>Als ich anfing, bei Chi-Lake zu arbeiten, war ich ein wenig &#xFC;berfordert. Ich hatte schon in anderen Jobs sexuelle Bel&#xE4;stigung erlebt, aber nicht in der H&#xE4;ufigkeit und Intensit&#xE4;t wie im Spirituosenladen.</blockquote><p>Als ich anfing, bei Chi-Lake zu arbeiten, war ich ein wenig &#xFC;berfordert. Ich hatte schon in anderen Jobs sexuelle Bel&#xE4;stigung erlebt, aber nicht in der H&#xE4;ufigkeit und Intensit&#xE4;t wie im Spirituosenladen. Zum Gl&#xFC;ck hatte ich meine Kolleginnen, die mir halfen. Unter den Frauen, mit denen ich zusammenarbeitete, entstand sofort ein Gef&#xFC;hl der Solidarit&#xE4;t, und am Arbeitsplatz hatte sich eine Kultur entwickelt, in der man sich gegenseitig den R&#xFC;cken freihielt. Als ich eingearbeitet wurde, zeigte mir meine Kollegin, der ich &#xFC;ber die Schulter schaute, nicht nur, wie man die Kasse bedient und die Schn&#xE4;pse auff&#xFC;llt, sondern sie brachte mir auch bei, wie man mit dem endlosen Strom von M&#xE4;nnern umgeht, die uns sexuell bel&#xE4;stigen wollten. Sie sagte mir, wann ich eine Grenze ziehen musste, wie ich M&#xE4;nner zurechtweisen konnte, ohne &#xC4;rger mit dem Chef zu bekommen, wann ich den Sicherheitsdienst rufen musste (es war immer ein Polizist oder ein Wachmann im Dienst, um Ladendiebstahl zu verhindern) und wann ich den Manager rufen musste. Sie halfen mir, einen falschen Namen auszuw&#xE4;hlen, den ich den Kunden geben sollte, wenn sie zu viele pers&#xF6;nliche Fragen stellten (meiner war Grace, mein zweiter Vorname und auch mein Pseudonym zum Schreiben). Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, mich durchzusetzen. Ich war so daran gew&#xF6;hnt, in einem Yuppie-Naturkostladen zu arbeiten, wo man sich ducken und es hinnehmen muss, wenn ein Kunde einen anschreit, und dabei immer ein L&#xE4;cheln im Gesicht behalten muss. In dieser Zeit hatte ich das Gl&#xFC;ck, dass meine M&#xE4;dels da waren, um mich zu unterst&#xFC;tzen und dem Kunden zu sagen, er solle die Klappe halten, sonst w&#xFC;rden wir ihm keinen Alkohol verkaufen. Schlie&#xDF;lich wurde ich selbstbewusst genug, um mich selbst darum zu k&#xFC;mmern und auch ein Auge auf die Sicherheit der anderen Kassiererinnen zu haben. Das war gelebte Solidarit&#xE4;t und es war eine sch&#xF6;ne Sache.</p><p>Meine Kolleginnen erz&#xE4;hlten mir Horrorgeschichten &#xFC;ber ihre Arbeit als Kassiererin in Chi-Lake. Keisha erz&#xE4;hlte mir von dem Mann, der immer wieder im Laden anrief und sie w&#xE4;hrend ihrer Schicht sprechen wollte, und das schaukelte sich schlie&#xDF;lich so weit hoch, dass er vor dem Laden darauf wartete, bis sie mit der Arbeit fertig war, bevor die Gesch&#xE4;ftsleitung den Typen endlich mit einem Hausverbot belegte. Alex erz&#xE4;hlte mir, wie unser Chef ihr anbot, sie nach Hause zu fahren, und dann versuchte, sich an sie heranzumachen. Tage sp&#xE4;ter wurde sie gefeuert. Alice, eine Frau, die dort seit fast 10 Jahren arbeitet, erz&#xE4;hlte eine Geschichte von vor ein paar Jahren, als ein Kunde &#xFC;ber den Tresen griff und einer Kassiererin an die Brust fasste. Der Mann hatte Hausverbot, aber nur so lange, bis diese Kassiererin nicht mehr bei Chi-Lake arbeitete. Jetzt ist er jeden Tag wieder da und kauft seine 0,7-Liter-Dosen Olde English. Ich sah, wie Crystal alle M&#xE4;nner ertrug, die sie anmachten, weil sie wusste, dass sie mit 15 Dollar Trinkgeld pro Abend nach Hause gehen konnte, was fast zwei Stunden Lohn entsprach. Ich h&#xF6;rte, wie die Lageristen im K&#xFC;hlraum &#xFC;ber Liyas Hintern sprachen, wohlwissend, dass sie als konservative &#xE4;thiopisch-orthodoxe Christin extrem beleidigt sein w&#xFC;rde. Ich sah, wie die M&#xE4;nner Selam und Tsega, meine Amhara- und Oromo-Kolleginnen, die ebenfalls aus &#xC4;thiopien stammten, behandelten, und bemerkte, dass die sexuelle Bel&#xE4;stigung, mit der sie es zu tun hatten, ethnisch begr&#xFC;ndet war und orientalistische Untert&#xF6;ne aufwies. Jane vertraute mir an, dass sie versuchte, ihren missbr&#xE4;uchlichen Freund zu verlassen, es sich aber nicht leisten konnte, bis das Management ihr mehr Schichten gab. Vanessa musste den Job schlie&#xDF;lich aufgeben, als sie mit Zwillingen schwanger war, weil das Management ihr nicht erlaubte, sich auf einen Hocker zu setzen, als ihre F&#xFC;&#xDF;e zu m&#xFC;de wurden, um die 10-Stunden-Schichten durchzustehen, die man ihr immer wieder gab. Geschlechtsspezifische Bedenken kamen in vielen Formen und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich meine eigenen Horrorgeschichten zu erz&#xE4;hlen hatte.</p><p>Ich wurde so oft Schlampe genannt, dass ich fast anfing, auf den Namen zu reagieren. Fotze und Hure waren auch allt&#xE4;glich, aber nicht so h&#xE4;ufig wie Honey, S&#xFC;&#xDF;e oder Baby. Ein Kunde nannte mich einfach nur &#x201E;Beine&#x201C;, da er offenbar meine Beine sehr mochte und ich als Frau offensichtlich nichts anderes zu bieten habe als meinen K&#xF6;rper. Einer meiner pers&#xF6;nlichen Lieblingskommentare war: &#x201E;Verdammt, bist du dick f&#xFC;r ein wei&#xDF;es M&#xE4;dchen.&#x201C; Wenn ich einen Dollar f&#xFC;r jeden Heiratsantrag bek&#xE4;me, den ich bekomme, k&#xF6;nnte ich mir endlich ein neues Vorderrad f&#xFC;r mein Fahrrad kaufen. Die Kommentare waren nervig, aber ich konnte im Allgemeinen damit umgehen. Als junge Frau, die in der Stadt aufgewachsen ist, nur ein paar Blocks von Chicago-Lake Liquors entfernt, habe ich mich an die Rufe und das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Catcalling">Cat-Calling</a> auf der Stra&#xDF;e gew&#xF6;hnt und kann es ziemlich gut ausblenden. Am schwierigsten waren die Situationen, in denen mich Kunden ohne meine Erlaubnis anfassen wollten. Ich habe eine sichtbare T&#xE4;towierung auf dem Unterarm, und oft griffen die Leute einfach &#xFC;ber den Tresen hinweg an meinen Arm, um einen besseren Blick drauf zu haben. Einmal habe ich einem betrunkenen Mann die Bedienung verweigert, woraufhin er w&#xFC;tend wurde und mein Handgelenk so fest anfasste, dass es eine Stunde lang einen Abdruck hinterlie&#xDF;. Ich habe schon Blut, Spucke und andere fragw&#xFC;rdige Substanzen auf mich bekommen. Ein besonders beunruhigender Vorfall ereignete sich nicht bei der Arbeit, sondern als ich im Lebensmittelladen in meiner Nachbarschaft war. Ein Stammkunde des Spirituosenladens sah mich und folgte mir nach Hause. Danach deponierte ich einen Baseballschl&#xE4;ger unter meinem Bett.</p><p>Der erste gro&#xDF;e Vorfall, mit dem ich zu tun hatte, ereignete sich im September 2012, etwa zwei Monate, nachdem ich im Spirituosengesch&#xE4;ft zu arbeiten begonnen hatte. Ich arbeitete an einem gesch&#xE4;ftigen Samstagnachmittag an der Kasse, als ein Lagerist mit einer Kiste Bier f&#xFC;r seinen Freund Matt kam, der dort einkaufen war. Matt hat so etwas wie ein Alkoholproblem und war um 16 Uhr schon unglaublich betrunken. Normalerweise w&#xFC;rde ich jemanden, der so betrunken ist, nicht bedienen, aber er war mit meinem Kollegen, dem Lageristen, befreundet, also lie&#xDF; ich es durchgehen. Er fing an, mich mit einer Beharrlichkeit anzubaggern, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er fragte mehrmals nach meiner Nummer und machte pausenlos Kommentare &#xFC;ber meinen K&#xF6;rper und all die verschiedenen Arten, wie er Sex mit mir haben wollte. Zu diesem Zeitpunkt machte Matt schon eine Szene, aber ich wollte meinen Manager nicht rufen, weil ich sonst &#xC4;rger bekommen h&#xE4;tte, weil ich an jemanden verkaufte, der so betrunken war. Ich beendete die Transaktion so schnell wie m&#xF6;glich, aber Matt h&#xF6;rte immer noch nicht auf, nach meiner Nummer zu fragen. Als er ging, nahm er die Quittung, schrieb seine Nummer darauf und gab sie mir zur&#xFC;ck. Ich nahm ihn und zerriss ihn direkt vor seinem Gesicht in zwei H&#xE4;lften, zerriss ihn in Fetzen und warf ihn in den M&#xFC;ll. Das machte ihn w&#xFC;tend, aber er sagte nur: &#x201E;Ahh, du bist ja ganz sch&#xF6;n temperamentvoll.&#x201C; Ich dachte, ich w&#xE4;re aus dem Schneider, nachdem er gegangen war, aber er kam in der n&#xE4;chsten Woche wieder und machte genau da weiter. Ich sagte ihm, er solle nie wieder mit mir reden oder an meiner Kasse anstehen, sonst w&#xFC;rde ich den Sicherheitsdienst rufen und er w&#xFC;rde Hausverbot bekommen. Es schien tats&#xE4;chlich zu funktionieren. Er respektierte das ein paar Monate lang, bis zu einem besonders gesch&#xE4;ftigen Abend. Er schien es eilig zu haben, also dachte er, ich w&#xFC;rde f&#xFC;r den einen Tag Nachsicht mit ihm haben. Damit lag er falsch, und ich sagte ihm, er solle aus meiner Schlange verschwinden und zu einer anderen Kasse gehen. Ich wollte nicht nachgeben und wir fingen an, uns anzuschreien. Mein Chef bemerkte, dass meine Schlange aufgehalten wurde, also kam er r&#xFC;ber, um die Situation zu &#xFC;berpr&#xFC;fen. Ich sagte ihm, warum ich Matt nicht bedienen w&#xFC;rde, aber mein Manager bestand darauf, dass ich es tue. Ich weigerte mich immer noch, also brachte mein Chef ihn zu einer anderen Schlange und bediente ihn dort, aber nicht bevor er mir sagte, ich solle ihn sofort in seinem B&#xFC;ro sehen, nachdem Matts Transaktion beendet war. Als ich meine Kasse abschloss, ging Matt auf dem Weg zur T&#xFC;r an mir vorbei und schrie: &#x201E;Verdammte Fotze!&#x201C; Ich ging nach hinten in das B&#xFC;ro meines Chefs, sollte mich hinsetzen und bekam einen Vortrag dar&#xFC;ber, dass ich niemals das Recht h&#xE4;tte, einem Kunden die Bedienung zu verweigern und dass ich einen Manager rufen m&#xFC;sse, wenn ich ein Problem h&#xE4;tte. Sie waren gerade dabei, mir eine offizielle m&#xFC;ndliche Verwarnung zu erteilen, als ich die Tatsache erw&#xE4;hnte, dass er mich wenige Minuten zuvor eine Fotze genannt hatte. Pl&#xF6;tzlich &#xE4;nderte der Manager seinen Ton und beschloss, mich nicht aufzuschreiben. Am Ende bekam Matt wegen der Beschimpfungen ein Hausverbot, aber nur unter der Bedingung, dass ich mich nie wieder ohne Zustimmung des Managers weigern w&#xFC;rde, einen Kunden zu bedienen. Offensichtlich ist das Management qualifizierter zu entscheiden, wann ich mich unwohl genug f&#xFC;hle, um jemandem zu sagen, dass er nicht mit mir interagieren kann, als ich selbst.</p><p>Die ganze Erfahrung war keineswegs ein Einzelfall. In der Tat war es eine ziemlich typische Reaktion des Managements auf solche Vorf&#xE4;lle, und die meisten meiner Kolleginnen haben &#xE4;hnliche Geschichten. Den Chef*innen geht es nicht um unser Wohlergehen, sondern nur um die Sicherheit der Ware und damit um den Gewinn. In ihren Augen sind Kassiererinnen entbehrliche Objekte, die nur 8 Dollar pro Stunde kosten, die man benutzen, missbrauchen und wegwerfen kann. Wenn wir uns bei der Arbeit sicher f&#xFC;hlen wollen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Seele jeden Tag zerquetscht wird, wenn wir das letzte Fitzelchen W&#xFC;rde, das wir bei der Arbeit haben, bewahren wollen, m&#xFC;ssen wir f&#xFC;r uns selbst k&#xE4;mpfen. Das Management zu involvieren, war nie eine ausreichende Antwort auf sexuelle Bel&#xE4;stigung und wird es auch nie sein.</p><blockquote>Die Solidarit&#xE4;t unter den Kassiererinnen im Spirituosenladen ist erstaunlich, aber sie w&#xE4;re so viel st&#xE4;rker, wenn unsere Aktionen konzertiert und in eine ladenweit organisierte Belegschaft eingebunden w&#xE4;ren.</blockquote><p>Als ich von meinem Job gefeuert wurde, war ein Teil von mir erleichtert, dass ich den ganzen Mist mit den Kunden nicht mehr ertragen musste. Aber ein anderer Teil von mir war traurig, weil ich wusste, dass eine neue Frau eingestellt werden w&#xFC;rde und diejenige sein w&#xFC;rde, die sich mit den Bel&#xE4;stigungen auseinandersetzen m&#xFC;sste. Ein Angriff auf eine*n ist immer noch ein Angriff auf alle.<a href="applewebdata://30842C78-9505-4CE4-8FAB-51BE414BB304#_ftn3">[2]</a> Ich w&#xFC;nschte mir so sehr eine Gewerkschaft in der Filiale, damit wir uns gemeinsam noch st&#xE4;rker gegen die Bedingungen wehren konnten, unter denen wir gezwungen wurden zu arbeiten. Die Solidarit&#xE4;t unter den Kassiererinnen im Spirituosenladen ist erstaunlich, aber sie w&#xE4;re so viel st&#xE4;rker, wenn unsere Aktionen konzertiert und in eine ladenweit organisierte Belegschaft eingebunden w&#xE4;ren. Es reicht nicht aus, sich gegen&#xFC;ber Kunden in die Defensive zu begeben, um Bel&#xE4;stigungen zu bek&#xE4;mpfen. Um wirklich effektiv zu sein, m&#xFC;ssen wir in die Offensive gehen. W&#xE4;re unsere Organisierung nicht durch die vergeltungsbedingten Entlassungen unterbrochen worden, h&#xE4;tten wir eine Reihe von betrieblichen Aktionen wie Arbeitsniederlegungen oder Verlangsamungen durchf&#xFC;hren k&#xF6;nnen, um eine Null-Toleranz-Politik f&#xFC;r sexuelle Bel&#xE4;stigung durchzusetzen. Leider verlief die Kampagne im Sande und wir nahmen eine finanzielle Abfindung an, die keine Wiedereinstellung vorsah. Allerdings habe ich einige wertvolle Lektionen dar&#xFC;ber gelernt, wie man sich im Betrieb wehrt, und in einer Branche voller Situationen wie der von Chi-Lake werde ich in der Lage sein, die F&#xE4;higkeiten, die ich w&#xE4;hrend dieser Kampagne gelernt habe, auch in anderen Organizing-Situationen anzuwenden. Wenn eines sicher ist, dann, dass Chicago-Lake Liquors nicht mein letzter Job sein wird, bei dem geschlechtsspezifische Belange ein gro&#xDF;es &#xC4;rgernis darstellen.</p><hr><p><a href="applewebdata://30842C78-9505-4CE4-8FAB-51BE414BB304#_ftnref1">[1]</a> Anm. d. &#xDC;.: Im englischen Original: &#x201E;Great place to stock up, terrible place to be a stock boy&#x201C;.</p><p><a href="applewebdata://30842C78-9505-4CE4-8FAB-51BE414BB304#_ftnref3">[2]</a> Anm. d. &#xDC;.: Verweis auf das Motto der IWW. Auf Englisch: &#x201E;An injury to one is an injury to all.&#x201C;</p><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-grey"><div class="kg-callout-emoji">&#x1F4A1;</div><div class="kg-callout-text">Dieser Text ist enthalten in unserem Buch: &quot;<a href="https://spuren.cc/spuren-der-arbeit-buch/" rel="noreferrer"><i><em class="italic" style="white-space: pre-wrap;">Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand</em></i></a>&quot; erschienen im August 2021.</div></div><div class="kg-card kg-callout-card kg-callout-card-yellow"><div class="kg-callout-emoji">&#x270A;</div><div class="kg-callout-text">Wir freuen uns immer &#xFC;ber neue Beitr&#xE4;ge. Hast du etwas &#xFC;ber betriebliche Organisierung zu erz&#xE4;hlen? Bist du unsicher, ob deine Geschichte es wert ist zu erz&#xE4;hlen? <a href="https://spuren.cc/mitmachen/" rel="noreferrer">Melde dich hier bei uns</a>.</div></div>]]></content:encoded></item></channel></rss>